Wolle – Die Alleskönnerin

istock-wolle_frau stickt
©istock/HannesEichinger
Sie war schon im römischen Reich die beliebteste Textilfaser. Auf dem Handel mit ihr gründeten sich ganze Dynastien. Und auch heute noch ist Wolle ein kaum wegzudenkender Bestandteil unseres täglichen Lebens.

Es gibt tatsächlich tausend gute Gründe, um sich Kleidung aus Wolle zuzulegen und dagegen kaum Nachteile oder Schwächen. In drei Teilen erklärt Sunny Dessous Eigenschaften und Verwendung, Geschichte, sowie die einzelnen Typen von Wolle.

Wolle wird hauptsächlich durch das Scheren lebender Tiere gewonnen. Das können Schafe (Merino), Ziegen (Kaschmir), Kaninchen (Angora), Lama (Alpaka) oder auch Kamele oder Yaks sein.

istock-wolle eines schafes
Die Haare nahe der Haut sind weicher und feiner als das Oberfell. ©istock/JohnCarnemolla

Meist bildet das Oberfell durch seine äußeren, steifen und eher groben Haare einen Schutz gegen die Witterung, während die Haare nahe der Haut, weich und fein sind und eher die Körperwärme regulieren. Die Wolle, welche für die Textilindustrie interessant ist, wird dabei eher aus dem Unterfell gewonnen.

Edler aber auch anfälliger gegen Umwelteinflüsse

Die Wollfaser besteht hauptsächlich aus dem tierischen Protein Keratin. Sie ist gegen chemische Einflüsse und ungünstige Umweltbedingungen deutlich anfälliger, als das Zellulose-Material, welches aus pflanzlichen Fasern gewonnen wird. Wollhaare haben einen Durchmesser von 16 bis 40 Mikron (Mikrometer = ein tausendstel Millimeter) und sind damit auch gröber als Textilfasern wie Baumwolle, Seide oder Leinen. Nach der Schur wird das Vlies (das gesamte abgezogene Fell) in mehreren Arbeitsschritten zum uns bekannten Wollgarn verarbeitet.

istock-schaf wird geschoren
Nach der Schur wird das Vlies gewaschen gestreckt, gekämmt, versponnen und gefärbt. ©istock/FlairImages

Es wird gestreckt, gekämmt, versponnen und gefärbt. Der gesamte Prozess beginnt mit dem Waschen, welches in verschiedenen Behältnissen aber mit gleichbleibender Temperatur erfolgt, um ein Verfilzen der Wolle zu verhindern. Weil Wolle gegenüber chemikalischen Einflüssen überaus sensibel ist, werden hier nur biologisch abbaubare und materialschonende Waschzusätze eingesetzt. Nach dem Trocknen wird die Wolle mit sogenannten Spinnölen besprüht, um ihre Gleitfähigkeit im Spinnvorgang zu erhöhen. Bei den Waschvorgängen wird auch ein Großteil des Lanolin (Wollfett) von der Faser geschieden. Verwendung findet es später als Basisstoff in der Kosmetikindustrie. Anschließend werden die Haarbüschel gezogen und gekämmt, bis sie fein und glatt einen Garnfaden bilden. Noch im sogenannten „Kammzug“ wird der Faden gefärbt und fest versponnen. Da die Kräuselung der Wollhaare das Aneinanderhaften von Fasern fördert, können Wollzwirne sowohl besonders leicht, als auch besonders reißfest sein.

Die multiplen Fähigkeiten der Wolle

Die normale Wollfaser weist eine zwar eine hohe Bruchfestigkeit auf, verliert aber bei zu hoher Temperatur und Nässe einen Großteil dieser Eigenschaft. Deshalb gehen Wollsachen, ohne chemische Zusatzstoffe beim Waschen ein und dürfen deshalb auch nur sehr eingeschränkt maschinell gereinigt werden. Waschtemperaturen unter 20 Grad und eine geringe mechanische Einwirkung (z.B. Schleudern) sind hier angeraten. Verbesserungen am Wollmaterial haben die meisten Schwächen dieser Textilfaser mittlerweile eliminiert. Ob Motten, Feuer, Schrumpfung oder Wasser – die Wolle von heute kann diesen Gefährdungen längst entgegentreten. Und damit stechen die wirklichen positiven Eigenschaften der Wolle noch deutlich zutage. Da ist zum einen die Wärmeisolation. Weil Wollhaare durch ihre starke Kräuselung kleine Luftkammern bilden, wirkt das gesamte Textil wie ein Temperaturausgleichswerk. So kann bei Kälte die Wärme am Körper gehalten werden und bei Hitze wirkt die Oberfläche kühl. Wolle besitzt außerdem eine außergewöhnlich hohe Saugfähigkeit und kann Feuchtigkeit (in Form von Wasserdampf) mit bis zu 30 Prozent seines Eigengewichts aufnehmen, ohne nass zu wirken. Auch wird die Feuchtigkeit langsam nach Außen abgegeben, was dazu führt, dass der Träger eines Wolltextils nicht zu schnell auskühlt. Aus der Saugfähigkeit folgt auch, dass Wollfasern eine gut bis ausgezeichnete Affinität für Farbstoffe mitbringen und somit lange brauchen, um wirklich auszubleichen.

Die vielfältige Verwendung von Wolle

Wollgarne, die normalerweise aus kürzeren Fasern hergestellt werden, sind dick und voll und werden für solche robusten Stoffe wie Tweed, Decken oder Teppiche verwendet. Die längeren Fasern sind hingegen fein, glatt, fest und leicht, und aus ihnen werden hauptsächlich Kleiderstoffe hergestellt. Die größten Herstellungsländer für Feinwolle sind Kasachstan, Russland, Australien und Neuseeland, während Indien die Produktion bei gröberen Wollstoffen anführt. Rund 80 Prozent der Wolle wird heute in der Textilindustrie für Kleidungsstücke wie Pullover, Mäntel, Mützen oder  Wäsche verarbeitet.

Frau betrachtet ihren kleiderständer
Rund 80 % der Wolle wird heute in der Textilindustrie gewoben, gestrickt, gehäkelt oder gefilzt und für Kleidungsstücke verwendet. ©istock/g-stockstudio

Dabei können Wolltextilien gewoben, gestrickt, gehäkelt oder gefilzt sein. Auch dekorative Stickereien können aus Wolle sein. Beliebt ist Wolle auch überall dort, wo es weich, warm und bequem sein soll. Zum Beispiel auf dem Rücken der Pferde oder Kamele. Sattelunterlagen, Pferdedecken und ähnliches Zubehör werden mit Vorliebe aus Wolle hergestellt.

Filz – ein besonderes Wollprodukt

Wolle findet auch in der Bauindustrie ihre Einsatzgebiete. Recycelte Wolle wird zur Isolierung und Schalldämpfung ebenso eingesetzte wie zur Polsterung von Sitzmöbeln.

istick-resycelte wolle wird auch zur dämmung von gebäuden genutzt
Recycelte Wolle wird z. B. auch zur Isolierung von Gebäuden genutzt. ©istock/BrilliantEye

Auch am Boden macht sie sich gut. Zum Beispiel in Form von Teppichen. Wollteppiche sind bekanntlich sehr langlebig, halten ihre Farbenpracht über eine Ewigkeit und sind dazu natürlich die perfekte Wärmeisolation. Eine besondere Form der Wolle ist der Wollfilz. Ihn findet man zum Beispiel auf Klavierhämmern. Durch den Filz haben Klaviere ihren eigenen, sich von den älteren Cembali unterscheidenden Klang erhalten. Und wann immer Zuhause Möbel verrückt werden müssen, ist man froh, wenn sich an der Unterseite Wollfilz befindet, denn der rutscht so gut über das Parkett.

freier Journalist für die Berliner Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung und das Sunny-Dessous Magazin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.