Wer hat Mut zu PINK?

Die Farbe Pink
©pixabay/weinstock
Kaum eine Farbe wird so mit femininer Niedlichkeit und märchenhafter Harmlosigkeit verbunden wie Rosa oder (auf englisch) Pink. Die sogenannte "süße Seite" der Farbe Rot hat seit den 1980er Jahren so stark von der Alltagskultur Besitz ergriffen, dass die "Pinkifizierung" sogar Gender-Aktivisten und Soziologen auf den Plan gerufen hat.

Dabei hat diese so einzigartige und unverwechselbare Farbe in ihrer Bedeutung und ihrem Nutzen starke Wandel durchlaufen und sich längst auch zu einem Symbol von Rebellion und femininer Macht entwickelt.

Pink – künstlich und schreiend

Der Name „Pink“ für einen eher grellen Rosa-Ton hat sich in unserem Sprachraum erst in den 1980er Jahren durchgesetzt. Während mit dem englischen Pink alle Schattierungen von Rosa (also von hellrosa über lachsfarben und orchid bis zu fuchsia) bezeichnet werden, ist im Deutschen mit Pink wirklich nur jene leuchtende Mischung aus Rot und ein wenig Blau gemeint, die auch zahlreiche Mädchenzimmer beherrscht. Interessanterweise kommt Pink in der Natur kaum vor und ist deshalb eine künstliche Farbe.

Sugar and Spice and Everything Nice

Ähnlich wie alle anderen Rosa-Töne ist auch Pink eine Farbe, die mit Zartheit, Freundlichkeit, Empathie und Sensibilität verbunden wird. In der Farbenpsychologie ist Rosa ein Zeichen der Hoffnung. Es ist eine positive Farbe, die warm und tröstend wirkt. Pink befriedet unsere emotionalen Energien und lindert Gefühle von Wut, Aggression, Groll und Verlassenheit.
Studien haben bestätigt, dass der Eindruck großer Mengen von Rosa eine beruhigende Wirkung auf die Nerven hat, aber auch körperliche Schwäche hervorrufen kann. In den USA und Europa wurden deshalb sogar eine Reihe von Gefängnissen rosa angestrichen, um gewalttätige Gefangene milder zu stimmen.

Bei zu viel Pink kann sich der Effekt allerdings auch ins Negative wenden. Dann kann auch ein Mangel an Willenskraft, Eigenständigkeit und Selbstwert hervorrufen werden. Pink ist die Farbe unkomplizierter Emotionen aber auch die von Unerfahrenheit und Naivität. Eine zu intensive Verwendung kann dazu führen, dass ein Eindruck von Unreife, Albernheit und Übervorsicht vermittelt wird. Wird Pink allerdings mit dunkleren Farben kombiniert, verbreitet sie eine Aura aus Stärke und Raffinesse. Rot und Pink repräsentieren die Liebe. Rot steht dabei für die Leidenschaft, Pink für Romantik und Charme. Intensiveres Pink kommuniziert aufreizende Verspieltheit und helleres Pink den Wunsch nach Zärtlichkeit.

Eine pinkfarbene Rose
©pixabay/stux

Rosenfingrige Morgenröte

In der Geschichte stellte Pink oder Rosa schon immer einen spektakulären Widerspruch dar. Es ist gleichzeitig frischgesichtig und kultiviert als auch fremdartig (ein chinesisches Wort für Rosa aus dem 17. Jahrhundert bedeutet „Fremdfarbe“) und sowohl in der Hoch- als auch in der Niederkultur zuhause. Eine erste Beschreibung dieser, in der Natur so selten vorkommenden Farbe lieferte bereits Homer etwa 800 vor Christus, als er einen Sonnenaufgang in der Odyssee als „rosenfingrige Morgenröte“ beschrieb.
Den Begriff „Pink“ verwendete vor etwa 300 Jahren erstmals Theophrastus, ein Botaniker aus Griechenland. Er benannte diverse Nelkengewächse als „Pinks“. Während in der Malerei die Farbe erstmal in der Frührenaissance für die Darstellung strahlender und damit unschuldiger Haut eingesetzt wurde, emanzipierten sich Rosa und Pink schon wenig später von ihrer Bedeutung als „Farbe des Fleisches“.

Madame Pompadour popularisiert Pink als feminine Farbe

Im Rokoko erlebte Pink dann seine erste prächtige Ära. Marie Antoinette und Madame Pompadour, die berühmte Mätresse des französischen Königs Ludwig XV, erklärten Pink zu ihrer Lieblingsfarbe und gaben ihr damit erstmals einen femininen Touch. Im Rokoko galt Rosa oder Pink auch als ein Symbol für Verführung, Frivolität und Verschwendung und gibt einen Hinweis darauf, was zu dieser Zeit mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert wurde.
Allerdings wurde ein helleres Rosa im 18. Jahrhundert von der gesamten, pastellliebenden europäischen Bourgeoisie bevorzugt. Die wirkliche Bandbreite von Pink kreierte dann in den 1960er Jahren die Pop-Art-Bewegung. Andy Warhols Marilyn Monroe-Gesichter und David Hockneys extensive Verwendung der Farbe in seinen Gemälden ebneten den Weg von Pink zu einem modernen Massenphänomen.

Rosafarbene Flamingos
©pixabay/Marty-arts

Trauen sich Männer endlich Pink?

Pink oder Rosa steht mittlerweile wie kaum eine andere Farbe im Zentrum der Debatten um Männlichkeit und Weiblichkeit. Während die Farbe nach wie vor die Kinderzimmer der Mädchen beherrscht und dort das rosafarbene Tutu neben Princess Barbie liegt, verändert sich vor allem in der Erwachsenenwelt die Rolle von Pink zunehmend. Pink ist dort nämlich längst nicht mehr die Farbe der Harmlosigkeit, Niedlichkeit, Süße und Unschuld, sondern hat eine aktive und kraftvolle Rolle eingenommen.

Rapper wie Tyler – the Creator oder Drake haben rosafarbene Klamotten zum letzten Schrei erklärt und pinkfarbene Poloshirts von Ralph Lauren sind schon seit langem kein Ausdruck von fehlender Männlichkeit mehr. Der grelle Nineties-Look, auch als Millenial-Pink bezeichnet, ist schon seit geraumer Zeit wieder schwer in Mode und DIE Trendfarbe einer ganzen Generation. Bei den vergangenen Australian Open spielten die von Nike ausgestatteten Männer in Pink und die Rocker von Aerosmith sangen schon vor einer Weile: „Pink, it’s my new obsession, Pink, it’s not even a question, Pink, it’s the color of passion, Cause today it just goes with the fashion“.

In Palermo spielen die Fußballer schon seit langem in rosafarbenen Trikots, und dasselbe probierte Juventus Turin in der Spielzeit 2012/ 2013 mit seinen Auswärtsshirts. Die berühmtesten pinkfarbenen Kleider tragen allerdings die Rugby-Kolosse vom französischen Dauermeister Stade Francais. Und dort fragt bestimmt keiner nach fehlender Männlichkeit.

Die Hyperfeminisierung von Pink ist vorbei

2005 porträtierte die koreanische Fotografin JeongMee Yoon ihre Tochter, wie diese von einem Übermaß an pinkfarbener Kleidung und Spielzeug fast verschluckt wird und dokumentierte eindrucksvoll die „Pinkisierung“ der Kinderwelt und die Hyperfeminisierung der Farbe in den 1990er Jahren. Das Beharren der Frauen, sich mit einer Farbe zu identifizieren, die es in der Natur gar nicht gibt, hieß es damals von Kritikern, sei ein Zeugnis der patriarchalen Hierarchien, die dafür sorgten, dass Frauen im Alltag unterwürfig blieben.

Doch wir leben längst in einer emotionaleren und offeneren Kultur, die ermutigt, uns sanft, sensibel und verletzlich zu zeigen. Auch in Zukunft werden vor allem Frauen Pink lieben, aber wenn starke Frauen diese kontroverse Farbe bevorzugen, dann bleibt es doch eine Entscheidung, die dem Pink Selbstbewusstsein verleiht und andere (vor allem auch Männer) dazu inspiriert, es mit ihr auch mal zu probieren.

freier Journalist für die Berliner Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung und das Sunny-Dessous Magazin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.