Uralt und top modern – die Geschichte der Wolle

Sunny Magazin Frau in modernem Wollpullover
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Wolle schützt Bergsteiger und Polarforscher. Sie wird von Seeleuten ebenso getragen wie von Männern, die in Alaska nach Öl bohren. Selbst Astronauten entscheiden sich in ihren Raumschiffen für die uralte Textilfaser, weil sie besonders warm und komfortabel zu tragen ist. Wolle ist einfach für Helden gemacht – und natürlich sind damit auch Frauen gemeint. Dabei ist die Faser so alt wie die Hügel, auf denen die Schafe stehen und gleichzeitig so modern und high-tech wie der Mondflug.

Schafherde
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Das heutige Hausschaf stammt vom Mufflon ab und wurde um 10.000 vor unserer Zeit auf dem Gebiet der heutigen Osttürkei und des Iran erstmals domestiziert. War es anfänglich nur wegen seines Fleisches interessant, entdeckten die Menschen schon bald, dass vor allem das Fell außergewöhnliche Qualitäten besitzt. Die vielseitige Beschaffenheit der Haare lieferte Schutz vor Hitze, Kälte, Wind und Regen. Dabei muss zuvorderst natürlich festgestellt werden, dass das Wollvlies unserer heutigen Schafe ein Ergebnis jahrhundertlanger Züchtung ist und mit jenem der frühzeitlichen Tiere nicht mehr viel zu tun hat. Vor allem die Tierzuchtmaßnahmen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert haben die Qualität der Schurwolle stark verbessert.

Das Spinnrad – eine chinesische Erfindung

Dabei war Wolle bereits um 2.000 vor unserer Zeit zur dominierenden Textilfaser aufgestiegen und hatte Leinen von diesem Platz verdrängt. Während die Wolle anfänglich noch mit Bronzekämmen aus dem Fell gerupft wurde, ist um das Jahr 800 vor unserer Zeit die erste Scherung belegt. Aus der Schurwolle wurden per Hand Fäden gezogen und durch rollen zwischen den Fingern zu einem dicken und ungleichmäßigen Garn verarbeitet. Bis um das Jahr 1.000 in China das Spinnrad erfunden wurde, verwendeten Menschen über 5.000 Jahre lang Handspindeln, um die Fäden aus dem Wollvlies zu ziehen und auf einen Stock oder Stab, versehen mit einem Stein- oder Tonring aufzuspulen. Noch heute gibt es in verschiedenen abgelegenen Teilen der Welt Menschen, die mit diesem simplen Verfahren ihre Wollfäden herstellen.

Der Vorsitzende des britischen Oberhauses sitzt bis heute auf dem „Woolsack“

Zur ersten Supermacht der Wolle stieg ab etwa dem Jahr 100 unserer Zeitrechnung Britannien auf. Durch die römische Invasion im Jahr 55 waren die ersten Schafe auf die Insel gelangt und schnell war die britische Wolle bei den reichen Patriziern in Rom außergewöhnlich beliebt. In den folgenden Jahrhunderten entwickelten sich vor allem Kastilien und eben England zu den größten Exporteueren von Rohwolle. Der Handel war für die Engländer so wichtig, dass es für den Wollhandel stets spezielle Steuergesetze gab und der Lordkanzler im britischen Oberhaus bis heute auf einem mit Wolle ausgestopften Sofa, dem sogenannten „Woolsack“ sitzt. Dieses seltsame Ritual sollte vor allem demonstrieren, wie dominant die Vorherrschaft der Briten im Wollhandel war. Und während die Engländer mit ihrer feinen Wolle selbst mit den Seidenhändlern konkurrierten und Religionsflüchtlinge aus Flandern mit neuen Verarbeitungstechniken weitere Innovationen auf die Insel brachten, bauten auch andere Herrscher ihre Macht auf dem Wollhandel auf. Die Familie der Medici zum Beispiel begründete ihren Reichtum mit Wolle, entwickelte mit den Profiten ein modernes Bankwesen und herrschte über drei Jahrhunderte im mächtigen Stadtstaat Florenz.

Die australische Wollbörse – der größte Markt der Welt

Dabei war Wolle bis zum 19. Jahrhundert noch nicht mal Massenware, sondern eher den Wohlhabenden vorbehalten. Erst der massenhafte Import aus Neuseeland und Australien sorgte für eine ausreichende Menge an Wolle für alle und ließ die Preise auf ein erschwingliches Niveau fallen. Australien löste um 1850 übrigens Deutschland als führende Wollnation ab. Bis heute ist die australische Wollbörse der weltweit größte Markt, und mit etwa 160 Millionen Schafen lebt etwa 16 Prozent des weltweiten Schafbestandes in Down Under.

Die Mauren bringen das Merino-Schaf nach Spanien

Neben England war Spanien viele Jahrhunderte das einzige Gebiet, von dem im großen Stil Feinwolle exportiert wurde. Vor allem die außergewöhnlich weiche und feine Wolle des Merino-Schafes war begehrt.

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©Wikimedia Commons/Cgoodwin [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0) ]
Mauren hatten diese Sorte im 8. Jahrhundert aus Marokko mitgebracht und sie nach einem ihrer Berber-Stämme (Beri-Merines) benannt. Die Profite durch Merino-Wolle waren so üppig, dass der König und ein Zusammenschluss adliger Herdenbesitzer (Mesta) den Export von Zuchttieren unter Androhung der Todesstrafe verboten. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Mesta zerschlagen. Das Merino-Schaf verbreitete sich in ganz Europa und machte Feinwolle zum dominierenden Wolltyp.

Synthetische Fasern lassen Wollproduktion sinken

Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Wolle erstmals nach Jahrhunderten der Dominanz echte Konkurrenz. Synthetische Fasern sind widerstandsfähiger, sie kratzen nicht und lassen sich auch waschen, ohne einzuschrumpfen. Erst in den frühen 1970er Jahren wurde eine speziell behandelte Wolle entwickelt, die sich nun auch maschinell waschen und trocknen ließ. Die Flower Power Bewegung mit ihrer „Back to the Nature“-Einstellung sorgte etwa zeitgleich für eine Renaissance der Wollkleidung. Seitdem sind Wollpullover, -kleider und -hosen, sowie Strickjacken, Mützen, Schalls und Handschuhe aus Wolle nicht mehr aus der Mode geraten und finden in jeder Generation ihre Anhänger.

 

 

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