ÖKO-TEX Standard & textiles Vertrauen

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©Pixabay/mploscar
Öko-Siegel gibt es wie Sand an der Ostsee. Das gilt natürlich auch für die Hersteller von Textilien. Doch wie glaubhaft sind die meisten Zertifikate? Wer stellt sie aus, was wird geprüft – und vor allem was nicht?

Grundsätzlich gilt: Genau hinschauen, lohnt sich. Die Masse der Siegel lässt sich nämlich in zwei Gruppen teilen. In jene, die von unabhängigen Organisationen vergeben wurden. Und jene, die Wirtschafts- bzw. Unternehmerverbände selbst vergeben. Das Motiv der Vergabe also ist entscheidend.
Im Folgenden werden wir eine Reihe von Siegeln vorstellen, die vor allem in der Dessous-Branche zu finden sind. Ihre Zahl ist überschaubar. Denn noch immer tut sich der Unterwäsche-Sektor schwer, Ressourcen, Handel und Produktion nach ökofairen Standards zu handhaben. Aber man passt sich langsam an. Schließlich bedeutet Öko nicht mehr Jute und Schlabberlook, sondern Verantwortung und Gewissen.

Öko-Tex – das Siegel

Zu den weltweit ältesten Güte-Siegeln gehören die von Öko-Tex (auch Oekotex bzw. Oeko-Tex). Sie werden von der Internationalen Gemeinschaft für Forschung und Prüfung auf dem Gebiet der Textilökologie vergeben. Ihr gehören 16 Prüf- und Forschungsinstitute in Europa und Japan an. Hauptsitz ist Zürich in der Schweiz.

Ökotext vergibt Siegel entlang aller Glieder einer Herstellungskette. Angefangen bei der Rohstoffgewinnung, über die Garnproduktion in Spinnereien, das Erzeugen von Flächengeweben, die Veredelung der Stoffe durch Färben und Bedrucken bis hin zur Konfektionierung und Produktion. Es gibt also Siegel für Textilien. Und es gibt Siegel für Produktionsstätten. Diese sind unter anderem:

Öko-Tex 100 („textiles Vertrauen“)

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Logo Oeko-Tex Standart 100 ©OEKO-TEX®

Das Öko-Tex Standard 100 ist das älteste und global bekannteste Zertifikat für Öko-Standards im Textil-Gewerbe. Es wurde 1992 von den deutschen Hohenheim Instituten und dem österreichischen Institut für Ökologie, Technik und Innovation eingeführt.Vereinfach ausgedrückt geht es bei diesem Siegel um die Frage, wie unbedenklich das verwendete Material ist. Reizt der Stoff die Haut? Verursacht er Krebs oder schädigt er Organe? Das Siegel zertifiziert also weniger die umwelt-ökologischen Aspekte eines Produktes, sondern vielmehr seine humanökologischen, sprich seine unmittelbar gesundheitlichen.
Getestet wird die Konzentration von Schadstoffen, die Öko-Tex in drei Klassen einteilt:

  • gesetzlich verbotene Substanzen
  • gesetzlich reglementierte Substanzen
  • bekanntermaßen Gesundheitsgefährdende Substanzen, die vom Gesetzgeber jedoch noch nicht explizit erfasst sind

In den Augen der Tester ist Schadstoff aber nicht gleich Schadstoff. Es heißt, der Gebrauch erst mache ein Urteil möglich. Dafür gilt die Faustformel: Je enger der Hautkontakt, desto strenger der Grenzwert. Vier Klassen unterscheidet Öko-Tex:

  • Artikel für Babys und Kleinkinder (bis zu einem Alter von 36 Monaten)
  • Artikel mit direktem, lang andauerndem bzw. großflächigem Hautkontakt (Unterwäsche und Dessous, Socken, Strümpfe, Bettwäsche, Handtücher etc.)
  • Textilien ohne bzw. nur geringem Hautkontakt (Jacken, Mäntel)
  • Ausstattungsmaterialien (für dekorative Zwecke)

 
STeP by Oeko-Tex

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Logo OEKO-TEX® STeP ©OEKO-TEX®

Dieses Siegel (Sustainable Textile Production) bewertet die Umweltfreundlichkeit von Produktionsprozessen, die Arbeitssicherheit und die Arbeitsbedingungen. Es geht um Nachhaltigkeit (englisch Sustainability). Wer immer an einer sogenannten „textilen Kette“ beteiligt ist, kann das Zertifikat erwerben. Also: Faserproduzenten, Spinnereien, Webereien bzw. Stickereien, Textilveredler und Konfektionäre. Geprüft wird, was Auswirkungen auf Umwelt und Mensch hat. Sprich: Chemikalienmanagement, Umweltleistung, Umweltmanagement, Arbeitssicherheit, soziale Verantwortung und Qualitätsmanagement.

Made in Green by Oeko-Tex

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Logo OEKO-TEX® Made in Green ©OEKO-TEX®

Früher hieß das Zertifikat 100plus. Unlängst wurde daraus Made in Green, nachdem Öko-Tex die Namensrechte an dem ursprünglich spanische Gütesiegel erwarb. Es führt die Bewertung beider Bereiche – Textil und Produktion – zusammen. Wer das Siegel erwirbt, der signalisiert dem Verbraucher damit, dass er A) die Schadstoffe in seinen Materialien unter dem Grenzwert hält. Und dass er B) seine Produkte nachhaltig und gemäß ökofairen Arbeitsplatzstandards produziert.
Damit das aber auch jeder Konsument nachvollziehen kann, liefert Made in Green gleich auch noch eine Produkt-ID und einen QR-Codes mit. Beide eingeben in ein Labeling-System – und heraus kommen Informationen darüber, in welchem Land und welchem Betrieb das Textil hergestellt wurde.

Öko-Tex-Siegel – Für und Wider

Es ist ein Kreuz mit den Textilherstellern, stöhnen Umweltaktivisten und Öko-Tester. Die Bekleidungsbranche hat noch keinen kollektiven Weg aus dem Schlamassel gefunden, den Preiskampf und Qualitätserwartungen der Verbraucher erzeugt haben. Aber es schimmert Hoffnung am Horizont. Daran hat auch Öko-Tex seinen Anteil, selbst wenn Kritiker der Siegel-Gemeinschaft lange Zeit vorwarfen, nur die Schadstoffe an den Endprodukten zu testen – und die verruchten Herstellungsprozesse außen vor zu lassen. Diese Lücke hat Öko-Tex mit STeP und Made in Green versucht zu schließen.
Mehr noch, sie haben sich mit ihrem ärgsten Widersacher zusammengetan: Greenpeace. Die Umweltschützer haben Juli 2011 die Kampagne Detox – Entgiftet unsere Kleider! ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, alle bedenklichen Chemikalien aus der Kleiderproduktion zu entfernen. Öko-Tex hilft jetzt bei der Umsetzung.

Detox To Zero by Oeko-Tex

… ist kein Siegel, sondern ein System. Es soll Herstellern helfen, die Detox-Vorgaben von Greenpeace umzusetzen. Das Angebot beinhaltet Aufklärung, Lösung, Kontrolle und Transparenz. Will sich ein Hersteller der Kampagne also anschließen, so klärt ihn Öko-Tex über die Chemikalienliste von Greenpeace auf. Es hilft ihm, zu verstehen, dass es keine umweltfreundlichen Mengen an Schadstoffen geben kann. Und ist die Erkenntnis zur Tat gereift, dann unterstützt Oeko-Tex bei der Umsetzung der Vorgaben bzw. der schrittweisen Reduktion der Chemikalien. Schließlich bietet die Siegel-Gemeinschaft ein Kontrollsystem aller eingeleiteten Maßnahmen und hilft dabei, die Detox-Aktivitäten für den Verbraucher sichtbar zu machen.

Öko-Tex in der Dessous-Branche

Laut Greenpeace haben sich vergangenes Jahr 76 Firmen der Detox-Kampagne angeschlossen. Und sich verpflichtet, bis 2020 giftfrei zu produzieren. Man staune, darunter befinden sich 19 Modefirmen, Marktleader wie Adidas, Nike, Puma, H&M, Zara, Levi’s, mit Primark ein Discounter und 51 Textillieferanten. Auch Victoria’s Secret ist dabei. Greenpeace aber schob die Unterwäsche-Label vergangenes Jahr in die Faux-Pas-Klasse. Weiter runter geht es nicht. Und bedeutet: Das Ziel, alsbald giftfrei zu sein, ist in weiter Ferne.
Aber es ist ja noch Zeit. Langsam, doch merklich, schließt sich auch die Unterwäsche-Branche dem Öko-Trend an. Die Schadstoffe sind das erste große Thema, das die Dessous-Marken angehen. Marken wie Chantal Thomass, Passionata, Darjeeling, Femilet, livera und Orcanta der Chantelle-Group haben das Öko-Tex Siegel Standard 100 bereits erworben. Ebenso Calida, Schiesser, Triumph International und das kleine deutsche Label Comazo.

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