MicroModal® von Lenzing

MicroModal - hergestellt aus der Buche
©Pixabay/rab4y
Wenn nur nicht der Name wäre. Vielleicht hätte es keine 50 Jahre gebraucht, bis eine Faser die Welt der Dessous und Unterwäsche erobert, die mit einem Terminus technicus bezeichnet wird, dass einem die Tränen kommen könnten.

Nicht Baumwolle, Seide oder Kaschmir, sondern Modal heißt die Wunderfaser, die aus einem Baum gewonnen wird, der Buche. Und mit der es mittlerweile keine Naturfaser mehr aufnehmen kann – und auch keine aus dem Reagenzglas.

Modal-Faser, die Alleskönnerin

Modal-Fasern sind Zwitter. Vom Rohstoff her natürlich, die Verarbeitung aber ist chemo-technisch. Sie werden aus der Cellulose von Buchen gewonnen, chemisch aufbereitet und in einem speziellen Spinnverfahren so veredelt, dass sie alles können, was Baumwolle vermag, Seide oder Kaschmir. Und zwar alles zusammen. Modal ist seidig im Glanz. Modal kann große Mengen Feuchtigkeit speichern. Die Faser ist formstabil und läuft beim Waschen nicht ein. Sie trocknet schnell und hat so gut wie kein Allergie-Potenzial. Und sie liegt so weich auf der Haut wie eine Feder.
Klingt zu schön, um wahr zu sein? Tut es. Ein wenig. Denn eines kann Modal nicht – was allerdings ein lässliches Unvermögen ist und wenigstens bei Dessous nicht groß ins Gewicht fällt: Modal wärmt nicht.

Lenzing und der verspätete Triumph

Vielleicht aber kriegen sie das bei Lenzing ja auch noch irgendwann hin. Die Zellulose-Fabrikanten aus Österreich haben nämlich Modal entwickelt und vor über 50 Jahren auf den Markt gebracht. Damals noch nicht so ausgefeilt wie heute, was den verspäteten Triumph zugegebener Maßen eher erklärt als der Name. Mittlerweile aber ist die Lenzing AG Weltmarktführer bei der Produktion von Fasern, die aus Zellulose gewonnen werden. Vornehmlich Viskose und ihre eleganten Schwestern Modal, dass noch weichere MicroModal, das hauchzarte MicroModal Air sowie die Tencel-Faser, die Modal in nichts nachsteht, nur anders gewonnen wird. Tencel, eine Lyocell-Faser, ist die jüngste Lenzing-Innovation. Sie ist saugfähiger als Baumwolle, weicher als Seide und kühler als Leinen, wie es beim Hersteller heißt.

Sunny Magazin beantwortet Euch im Folgenden, was Modal genau ist, wie es hergestellt wird und warum die Dessousbranche mittlerweile so darauf schwört. Ach ja, und Ehre wem Ehre gebührt: Sunny Magazin sagt Euch auch, welche Rolle Lenzing in der Geschichte spielt.

Was ist Modal?

Modal gehört zu den Viskose-Fasern, wird allerdings in Nuancen anderes hergestellt. Ein Unterschied ist der Rohstoff. Viskose wird wie auch Modal aus reiner Cellulose gewonnen. Hauptsächlich aus Buchen-, Pinien oder Eukalyptusholz, zunehmend auch aus Bambus. Bei Modal hingegen kommt nur die Zellulosemasse von Buchen zum Einsatz. Das macht die Faser eigentlich zu einem Naturprodukt. Bezeichnet aber wird sie als Chemiefaser (früher Kunstfaser), was am chemisch-technischen Herstellungsverfahren liegt. Die Zusammensetzung von Modal (wie auch Viskose) ähnelt der von Baumwolle, beide Fasern werden deshalb gern gemischt. Modal aber ist fester, doppelt so weich, weniger knitter-anfällig, läuft nicht ein beim Waschen, leiert nicht aus, kühlt und kann jede Menge Feuchtigkeit aufnehmen.

Was ist MicroModal?

MicroModal gehört zu den Microfasern. Das heißt, sie ist eine feinere Variante der Modal-Faser.
Microfasern sind feinst ausgesponnene Chemiefasern mit unter zehn Mikrometer (tausendstel Millimeter) Durchmesser. Lenzing ist es also gelungen, die Faserfeinheit von MicroModal und der noch feineren Variante MicroModal Air unter 1 dtex (Maß zur Bestimmung der Feinheit von Garnen) zu bekommen. Das bedeutet, dass ein Gramm Modal eine Lauflänge von mehr als einem Kilometer besitzt. Das schafft selbst Seide nicht. Die besondere Feinheit macht die zwei Faser-Varianten extrem weich.

Wie wird Modal hergestellt?

Modal wird in einem modifizierten Viskoseverfahren gewonnen. Dafür wird die aus Holzschnitzeln der Buche gewonnene Cellulose in Natronlauge gebadet, in der sich aus der Zellmasse das Natriumsalz der Zellulose herauslöst. Dieses wird getrocknet und nach ein paar Tagen mit Schwefelkohlenstoff verkuppelt. Aus der Verbindung entsteht das sog. Xanthat, das in einer weiteren Liaison mit verdünnter Natriumhydroxid-Lösung die Spinnmasse hervorbringt. Sie hat die Konsistenz von warmem Honig. Ist also viskos, zähflüssig. Daher der Name der Faser: Viskose.
Die Masse wird anschließend mehrfach gefiltert und gelüftet und danach durch Düsen in einer schwefelsauren Salzlösung zu Fasern versponnen. Jetzt noch verstrecken, schneiden, entschwefeln und bleichen – und fertig sind Viskose oder Modal für die Weiterverarbeitung.

Was macht Modal zur Lieblingsfaser der Unterwäsche-Branche?

Modal ist wie Viskose sehr elastisch und formbeständig, passt sich also gut den unterschiedlichsten Körperformen an. Im Vergleich aber ist sie wesentlich beständiger. Sie kann problemlos in der Maschine gewaschen werden, und das viele Male, ohne dass der Stoff an seinen Qualitäten einbüßt. Die Faser ist zudem besonders weich, besonders hautfreundlich, und sie hat die Saugfähigkeit von Baumwolle, was sie vor allem für die Herstellung von Funktionsunterwäsche interessant macht. Sie lässt sich außerdem gut mischen, vor allem mit langstapeliger Baumwolle. Hinzu kommt, Modal ist knitterarm, trocknet leicht und ist hitzebeständig. Summa summarum: Keine Chemie-(Natur)-Faser eignet sich momentan besser für die Verarbeitung von Textilien, die gerade unten drunter getragen werden.

Wie Öko-problematisch ist Modal?

Kaum. Buchen wachsen im Wald. Sie müssen nicht extra angebaut werden, verbrauchen also auch kein künstlich zugeführtes Wasser und keine anderen Saat- und Pflanzressourcen. Zudem, es reicht aus, die forstwirtschaftlichen Abfallprodukte zu verwenden. Das reine Buchenholz kann also anders verwertet werden. Und einen Baum zu fällen und dafür zwei neue zu pflanzen, ist kein großes Problem. Buchen wachsen außerdem vor Ort. Hersteller in Europa wie der Marktführer für Viskose- und Modalfasern, die Lenzing AG, müssen ihr Rohmaterial also nicht importieren. Das reduziert vor allem die Umweltkosten, die etwa bei der Herstellung von Baumwolle oder bei der Haltung von Merinoschafen, Alpaka-Lamas oder Kaschmir-Ziegen anfallen. Ganz zu schweigen vom Tierschutzproblematischen Umgang mit den Raupen der Seidenspinner-Schmetterlinge, die jeweils zugrunde gehen, wenn ihre Kokons zu Seide verkocht werden.
Trotzdem, ein Engel unter den Textilfasern ist auch Modal nicht. Buchen wachsen langsam, im Schnitt nur neun Zentimeter in die Höhe pro Jahr. Und was anfällt, wenn aus Zellulose Modalfasern gewonnen werden, ist auch nicht ohne. Schwefelwasserstoff und Schwefelkohlenstoff sind in bestimmten Mengen tödliche Nervengifte. Schwefelwasserstoff ist kaum weniger toxisch als Blausäure. Und Schwefelkohlenstoff zudem außerordentlich leicht entflammbar. Beide Stoffe müssen äußerst aufwendig aus der Faser gewaschen und entsorgt werden.

Was hat Lenzing mit Modal zu tun?

Die Lenzing AG und Modal, MicroModal, Viskose und Tencel – das ist so gut wie eins. MircroModal® etwa ist eine eingetragene, das heißt geschützte Marke der Österreicher. Das gleiche gilt für Lenzing Modal® und Lenzing MicroModal® AIR sowie der Lyocell-Faser TENCEL®. Lenzing hat Modal praktisch erfunden und 1965 erstmals unter dem Namen „Hochmodul 333“ dem Markt vorgestellt. Ebenso MicroModal, das 1985 eingeführt wurde. Anfangs war der Erfolg bescheiden, die Jahresproduktion ging nicht über ein paar Hundert Tonnen. Doch Modal überzeugte vor allem durch seine Qualitäten und verdrängte peu a peu die damals vor allem in Asien weit verwendete Faser Polynosic. Heute stammen 75 Prozent der weltweit verarbeiteten Modalfasern aus Lenzinger Werken.
Die Lenzing AG mit Sitz in Lenzing und Heiligenkreuz (Lenzing Fibers GmbH) in Öberösterreich ist damit der weltweit größte Zellwolle-Produzent. Kerngeschäft ist die Herstellung von holzbasierten Zellulosefasern. Dazu zählen Viskose-, Modal- und Tencel-Fasern für Bekleidung (Oberbekleidung, u. a. Jeans und Sportbekleidung sowie Unterwäsche), für Heimtextilien (Betten, Bettwäsche, Matratzen, Frottierware), für Schutzbekleidung, technische Textilien (Schnüre, Seile, Schuhe) und nicht gewebte Vliesstoffe (Nonwovens), die vor allem in der Medizin und im Hygienebereich verwendet werden. Zusätzlich stellt Lenzing Papier her und ist mit Filteranlagen im Maschinen– und Anlagenbau aktiv.

Lenzing-AG
Robert Wetzlmayr, Lenzing in Fotos, Lenzing-AG, CC BY-SA 3.0

Lenzing – eine verwickelte Firmengeschichte

Die Firmengeschichte der Lenzing AG Austria ist lang und verwickelt. Das Unternehmen wurde 1892 vom Fabrikanten Emil Hamburger gegründet. Er kaufte die „Starlingermühle“ in Lenzing und baute darin eine Zellstoff- und Papierfabrik auf. 1935 verkaufte Hamburger an die Bunzel & Biach AG, einem Unternehmen der jüdischen Familie Bunzl, das drei Jahre später „arisiert“ wurde. Arisiert bedeutete enteignen: Die Bunzel-Brüder flohen nach England, wo sie den heute noch tätigen Konzern Bunzel plc. gründeten.
Das Lenzinger Werk wurde durch die Österreichische Kontrollbank für Industrie und Handel übernommen und als neu gegründete Lenzinger Zellwolle AG der Thüringischen Zellwolle AG angegliedert. Generaldirektor wurde der Chemiker und SS-Brigade-Offizier Dr. Walther Schieber, ein umtriebiger Nazi-Funktionär, der u. a. als NSDAP-Gauwirtschaftsberater arbeitete und Chef des Rüstungslieferungsamtes im Reichsministerium für Rüstung und Kriegswirtschaft gewesen ist. Damit war er unmittelbar Adolf Hitlers Intimus Albert Speer unterstellt. Zwischen 1938 und 1945 baute Lenzing seine Standorte aus, enteignete dabei auch umliegende Bauernhöfe, erreichte den höchsten Industrieschornstein des Reiches, wurde groß, größer und war derart verstrickt in die Zwangsarbeiterwirtschaft des Dritten Reiches, dass der Linzer Universitätsprofessor Roman Sandgruber die Firmengeschichte unlängst in einem Buch („Lenzing – Anatomie einer Industriegründung im Dritten Reich“) verarbeitete. Der Historiker sagte über sein Buch kurz nach Erscheinen 2010: „Die für die Zeit des Nationalsozialismus typische enge Verschränkung von Staat, Partei und Wirtschaft tritt am Beispiel der Gründung Lenzings ganz besonders deutlich hervor:“
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Lenzing indirekt verstaatlicht und anschließend privatisiert. Bis 1960 beschäftigten sich Österreichische Höchstgerichte mit der Eigentümerschaft. Die Jahre bis in die Gegenwart waren Jahre des Wiederaufbaus, strategischer Neuausrichtungen, der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und einem Börsengang (1985) sowie diverse Firmenkäufe, die Lenzing genutzt hat, um sich auf dem Markt für Viskose-Fasern einen bemerkenswerten Namen zu machen. Heute setzt der Mischkonzern an die 2,1 Milliarden Euro jährlich um (Stand 2016, Quelle: Wikipedia) und beschäftigt an die 6.200 Mitarbeiter.

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