Leinen – der uralte Super-Stoff

Blühende Flachspflanzen
Blühende Flachspflanzen ©istock/Dash_med
Es gibt bestimmte Dinge, die sind so alltäglich, allgegenwärtig und beständig, dass wir über sie gar nicht mehr nachdenken geschweige denn wissen, worum es sich dabei eigentlich handelt. Diesbezüglich ist es kaum verwunderlich, dass heute nur noch Wenige wirklich etwas über LEINEN wissen.

Dabei war der Stoff Leinen bis zum Aufkommen des Baumwoll-Zeitalters und der Ära der Kunststoffe DER Stoff für Wäsche und Bekleidung. Und so wertvoll, dass die Ägypter ihre Mumien nur in dieses Material einwickelten. Im späten 19. Jahrhundert wurde Leinen fast vollständig durch Baumwolle verdrängt, gewinnt aber seit dem Ende des 20. Jahrhunderts als ökologische Naturfaser wieder stark an Bedeutung. Wir von SUNNY DESSOUS geben hier einen kleinen Überblick über Geschichte, Herstellung und die Verwendung von Leinen und überraschen mit 7 äußerst ungewöhnlichen Fakten zu diesem Super-Stoff.

Inhaltsverzeichnis

 

Leinen – das erste bekannte Textil der Menschheitsgeschichte

Im Gegensatz zu den meisten anderen Textilien reicht die Geschichte von Leinen nicht nur um ein paar Jahrhunderte, sondern vielmehr um einige Jahrtausende zurück. 2009 entdeckten Archäologen in einer prähistorischen Höhle in Georgien gewebte Leinenstoffe aus Wildflachs, die nachweislich vor etwa 36.000 Jahren verwendet wurden. Auch in Schweizer Seesiedlungen aus dem Jahr 8.000 v. Chr. wurden Fragmente von Fasern, Garnen und verschiedenen Gewebearten gefunden, die auf eine frühe Verwendung von Leinen schließen lassen.
Vor diesen Entdeckungen war angenommen worden, dass Leinen erstmals um das Jahr 4.500 v.Chr. zur Zeit der alten Ägypter hergestellt wurde. Diese Annahme speiste sich vor allem aus dem Fakt, dass die Leichentücher der berühmtesten Mumien, also denen von Tutenchamun und Ramses II., aus Leinen sind und sie sich auch genau deshalb nur für die Nachwelt erhalten konnten. Denn Leinen ist wohl das einzige natürliche Textil, dass eine wirkliche Resistenz gegenüber Pilzen und Bakterien aufweist.

Leinen symbolisierte damit schon früh Licht, Reinheit sowie Reichtum und wurde deshalb im vorantiken Ägypten als Währung verwendet und war in Mesopotamien für die höheren Klassen reserviert. Bereits 1913 war das berühmte Tarkhan-Kleid in einem Mumiengrab aus dem Jahre 2.800 v. Chr. entdeckt worden und hatte Leinen als erstes bekanntes Textil in der Menschheitsgeschichte berühmt gemacht.

2.000 Jahre nur Wolle und Felle und Leinen

Von der Antike bis zum Mittelalter kannten Menschen eigentlich nur drei Formen der Bekleidung: Felle, Wolle und Leinen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts sah die Textilproduktion so aus: 80 Prozent der für Bekleidung verarbeiteten Fasern waren Wolle, 20 Prozent Leinen. Seine Blütezeit hatte Leinen dann im viktorianischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts. Schon frühzeitig hatten phönizische Händler die Flachspflanze nach Irland gebracht. Und Belfast wurde schnell zum berühmtesten Zentrum für Leinenherstellung in der Geschichte der Textilindustrie. Dabei wurde Leinen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in mühevoller Hand- und Heimarbeit gefertigt.
Die dafür verwendeten Geräte – vor allem Handwebstühle – finden sich heute in zahllosen Heimatmuseen. Die Hauptzentren der Leinenverarbeitung lagen in Irland, Holland, Sachsen, Schlesien, Westfalen und der Region um Sankt Gallen in der Schweiz. Obwohl sich Leinen schon immer nur schwer färben ließ, war es eigentlich immer und überall dort beliebt, wo sich Menschen hochwertige Stoffe wünschten, die sich allerdings auch gut bei den alltäglichen Verrichtungen machten.

 

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Von Flachs zu „li-no“ zu Leinen

Schon die allererste uns bekannte Bezeichnung weist darauf hin, woraus Leinen gemacht wird. Denn das griechische „li-no“ oder das lateinische „linum“ bezeichnen nichts anderes als die Flachspflanze. Diese wurde seit 6000 Jahren zur Herstellung von Fasern verwendet und dafür eigentlich in jeder Region dieser Welt angebaut. Heute stehen großflächige Flachsfelder vor allem in Frankreich, Belgien, China, Russland und Weißrussland. Die Pflanze kann nicht gemäht werden, weil dadurch die Faser beschädigt würde. Geerntet wird der Flachs somit durch „herausreißen“ oder „raufen“ der Pflanzen, wobei behautet wird, die hochwertigsten Leinenfasern entstehen, wenn dieser Prozess mit der Hand erfolgt.
Nach dem Entfernen aller Samenkapseln und der überschüssigen Pflanzenstände bleiben die Fasern übrig, die bis zu 20 Zentimeter lang sein können und dann zu Garn versponnen werden. Dieser Prozess war seit jeher mit größeren Kosten verbunden, weil der Flachsfaden nicht sonderlich elastisch ist und leicht bricht, wenn er in ein Gewebe eingebunden werden soll. Baumwolle und andere synthetische Materialien sind heutzutage wesentlich billiger und einfacher herzustellen, aber viele Menschen entscheiden sich immer noch für jene Qualität, die nur in Leinen zu finden ist.

Flachsblond und was ist ein „Spinster“

In der deutschen Sprache gibt es den Begriff des „flachsblonden Haares“, der auf die Farbe der schon geernteten Flachspflanzen hinweist. Diese stehen zu dicken Garben zusammengebunden auf den Feldern und haben eine golden gelbliche Farbe. Von der Verarbeitung des Flachses abgleitet, ist auch der englische Begriff „Spinster“. Damit werden in der englischsprachigen Welt alte Jungfern bezeichnet, die zwar noch heiratswillig aber eigentlich nicht mehr in dem richtigen Alter dafür sind. Diese Bezeichnung stammt aus den Zeiten, als Flachsfasern noch mittels Spinnrädern zu Leinenfäden gesponnen wurden. Diese Fähigkeit galt als besonders lukrativ und so stellten die alleinstehenden Frauen bei ihrer Partnersuche auch dieses Talent besonders gern in den Vordergrund. Angesichts von starken und durchaus unabhängigen Frauen ist dieser Begriff heute allerdings mehr als antiquiert.

Leinsamenöl und Samen
Leinöl und Samen ©istock/rezkrr

Alles Leinen ist grün!

In den vergangenen 150 Jahren wurde Leinen vor allem in der Bekleidungsindustrie fast völlig durch Baumwolle verdrängt. Doch in den vergangenen drei Dekaden hat die einzige Naturfaser, die in Europa kontrolliert biologisch angebaut wird, ein ungewöhnliches Comeback gefeiert. Denn Leinen ist vollständig biologisch abbaubar und recycelbar und Flachs braucht normalerweise nur ein Fünftel der Düngemittel und Pestizide, die für den Baumwollanbau benötigt werden. Zum Liebling für Mutter Natur macht sich Leinen auch in der Produktionsphase, denn dort verbraucht es fünf bis 20-mal weniger Wasser und Energie, als viele seiner synthetischen Konkurrenten.
Bei der Verarbeitung der Flachspflanze bleibt außerdem kein Abfall, sondern vielmehr eine Fülle hervorragender Produkte übrig. Genannt sei hier nur das überaus gesunde Leinöl. Die ebenfalls abfallenden Leinsamen sind übrigens mittlerweile als Supernahrung anerkannt. Ihre Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien, B-Vitamine, Ballaststoffe und Eiweiße finden sich heute in fast jedem Müsli wieder. Leinsamen senken den Cholesterinspiegel, unterstützen Gewichtsverlust und sollen sogar gegen Krebs helfen.

Leinen – multipel einsetzbar

Die Verwendung von Leinen hat sich im Laufe der Zeit und insbesondere in den letzten 30 Jahren stark verändert. Während noch in den 1970er Jahren nur etwa 5 Prozent der weltweiten Leinenproduktion für Modestoffe verwendet wurden, stieg die Verwendung des Anteils der Leinenproduktion für Bekleidungstextilien in den 1990er Jahren auf bis zu 70 Prozent. Heute sind viele Menschen bereit, für die ökologisch als unbedenklich eingestuften Leinen-Textilien hohe Preise zu bezahlen. Beliebt ist Leinen auch wieder in seiner weichen und luxuriösen Textur als Bettwäsche und in seiner gröberen Form verarbeitet in Taschen, Seilen, Stricken und Einrichtungsgegenständen. Die als weniger edel geltenden Kurzfasern des Flachses sind als Dämmstoffe sehr beliebt. Und auch ein Renner in der Automobilindustrie. Zwei Drittel der naturfaserverstärkten Kunststoffe sind ausschließlich mit Flachsfasern versetzt. In der weiter zurückliegenden Vergangenheit wurde Leinen übrigens gern für die Herstellung von Büchereinbänden, Schuhen und mittelalterlichen Schilden verwendet.

Mehr über die Vorteile und Nachteile von Leinen gegenüber anderen Stoffarten im zweiten Teil unseres Beitrags: Leinen vs. Baumwolle vs. Wolle.

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