L.B.O. – Wie ein sächsischer Strumpf die Welt erobert

LBO damals und heute
© Sunny-Dessous
Vom einfachen Strumpfwirker zum weltbekannten Unternehmen. Wie ein Familienclan aus dem sächsischen Oberlungwitz den Familienbetrieb L.B.O. (Louis Bahner Oberlungwitz) über mehrere Generationen hinweg zu Weltruhm führt.

Die Geschichte der industriellen Strumpfherstellung in Deutschland ist eng verbunden mit dem Namen Louis Bahner und dessen in Oberlungwitz gegründetem Strumpfwirkerbetrieb L.B.O. – welcher später unter dem Namen Elbeo ein glänzendes Beispiel für das deutsche Wirtschaftswunder darstellt und zu einer der führenden Strumpfmarken wird.

Stationen der Firmengeschichte

Grundstein der Strumpfwirkerei – der Handkulierstuhl

Strümpfe gibt es schon ziemlich lange, Funde in Ägypten wurden auf das 4.Jh. v. Chr. datiert. Die Menschen hatten wohl schon immer kalte Füße. Doch bis zu den heute üblichen, feinmaschigen Strumpfwaren war es ein langer Weg. Dieser nahm mit William Lee und seiner Idee, die langwierige Handstrickerei zu beschleunigen, seinen Anfang. Im Jahr 1589 entwickelte er den ersten funktionstüchtigen Handkulierstuhl, der sechsmal schneller arbeitete, als es von Hand möglich war.

Auf dieser Maschine werden, im Gegensatz zum Stricken von Hand, alle nebeneinanderliegenden Maschen gleichzeitig erzeugt. Dazu ist eine Vielzahl von nebeneinander angeordneten und mit einem Haken versehenen Nadeln nötig. Es entsteht ein einheitliches, flächiges Werkstück. Da dieses natürlich gleichbleibend breit wäre und somit an keinem Bein halten würde, kann man Maschen am Rand hinzu- oder wegnehmen, um so die Form zu verändern. Im Anschluss wird aus dem flachen Stoffstück noch ein Schlauch genäht. Von dieser Methode der Strumpfherstellung kommt auch die bei Damenstrümpfen als äußerst sexy geltende Strumpfnaht.

Handkulierstuhl
Andreas Trepte, Loom Strumpfwirkerstuhl, CC BY-SA 2.5

Oberlungwitz, Familie Bahner und die Strümpfe

Oberlungwitz – eine kleine Stadt, gelegen zwischen Chemnitz und Zwickau. Hier beginnt die Geschichte von Strumpf und Stadt bereits um 1730 mit dem Strumpfwirker Samuel Uhlig. Der nämlich stellte den ersten Handkulierstuhl auf und begründete damit die Strumpfwirkerei im Ort. Nur wenig später tritt die Familie Bahner mit Johann Christian Bahner in Erscheinung. Dieser entwirft im Jahr 1748 sein Meisterstück und ruft die Tradition der Strumpfwirkerfamilie Bahner ins Leben. Bis 1945, also fast 200 Jahre, blieben Familie und Betrieb dem Städtchen treu, bis sie die Demontierung der Betriebe in den Westen ziehen lässt.

Neben den Bahners siedelten sich auch andere Strumpfwirker in dem kleinen Ort an. Götze (Fa. ROGO), Tauscher (Fa. FTO), Fa. Moritz Flechsig, Fa. Theodor Günther sind nur einige Namen. Im Jahr 1924 kamen dreiviertel der weltweiten Strumpfproduktion von hier. Oberlungwitz bewahrte sich sein Image der Strumpfstadt, auch über Krieg, Demontage und Enteignung hinaus, und produziert auch heute noch Strümpfe.

Vom persönlichen Bedarf zur Großfertigung – Revolution der Fertigungstechnik

Zu Beginn wurden Strümpfe für den Eigenbedarf von Hand gestrickt. Die ganze Familie war daran beteiligt. Mit Bau des ersten deutschen Strumpfwirkerstuhls 1710 von Johann Esche nahm in der Region schnell die Produktion in heimischen Betrieben Gestalt an. Produktion im größeren Maßstab, nicht nur für den Eigenbedarf, war möglich. Vergrößerten sich die Familienbetriebe, wurde nach Bedarf an die Häuser angebaut.

Die wachsende Beliebtheit der zarten Waren lies auch das Bahnersche Familienunternehmen schnell größer werden. Die heimischen Produktionsstätten reichten bald nicht mehr aus und so ging Wilhelm Friedrich Bahner, Nachfahre Johann Bahners und Eigner des Familienbetriebes, 1842 den Schritt von der handwerklichen zur industriellen Produktion. Ganze 40 Gesellen beschäftigte die Familie zu dieser Zeit bereits. Diese zogen mit den neuen, moderneren Maschinen in das neue Firmengebäude um. Die Einführung der Dampfmaschine in Deutschland machte es möglich, Strümpfe in noch besserer Qualität, schneller und effizienter herzustellen. Dem Wachstum der Firma stand so nichts mehr im Wege.

Ernst Louis Bahner – die Eminenz im Verborgenen

Man könnte nun meinen, über den Namensgeber und Begründer der Firma ELBEO müsse mehr bekannt sein, als sein Name. Tatsächlich lässt sich aber kaum etwas finden. Er wurde 1857 in Oberlungwitz als eines von 8 Kindern des W. F. Bahner, geboren. Absolvierte Schule, Ausbildung und Wanderschaft. Doch statt im Anschluss wie die beiden Brüder in das Familiengeschäft einzusteigen, machte er sich mit 21 Jahren und 3 gebraucht gekauften Webstühlen selbstständig. Eine Zusammenführung mit dem Familiengeschäft im Jahre 1888 scheiterte und so übernahm jeder der drei Brüder einen Teil des Unternehmens.

Bahner benannte die Firma schließlich im Jahre 1889 nach sich selbst: L.B.O. (Louis Bahner Oberlungwitz) und produzierte Strümpfe von feinster Qualität. Der heute bekannte Firmenname ELBEO setzte sich 1906 durch und geht auf die phonetische Schreibweise zurück. Selbst Königshäuser wurden mit der feinen Wäsche beliefert. Im Textil- und Rennsportmuseum Hohenstein-Ernstthal lagert ein Teil der kaiserlichen Musterteile. Unter anderem Wäsche für den letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. Getragen hat er die Stücke allerdings nie, er dankte ab, bevor ihn die Wäsche erreichte. Ab 1914 übernehmen Bahners Söhne Johannes, Karl und Ernst Dietrich die Leitung der Firma. Vor Beginn des zweiten Weltkrieges zählte ELBEO 2800 Angestellte und hat damit ein rasantes Wachstum hingelegt. Die Spur vom Namensgeber hingegen verliert sich, lediglich aus einer Grabinschrift geht hervor, dass er 1933 verstarb.

 

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Vom Damenstrumpf aus Naturseide zur feinen Kunstfaser

Im Jahr 1937 gelingt ELBEO etwas Außergewöhnliches. Der auf der Weltausstellung in Paris vorgestellte 11den Feinstrumpf aus Naturseide gewinnt den Grand Prix. Bereits zwei Jahre zuvor wurde in Amerika eine revolutionäre Erfindung gemacht. Dem Chemiker Wallace Hume Carothers gelingt die Herstellung einer extrem dehnbaren, reißfesten und gleichzeitig feinen Kunstfaser. Nylon war geboren und ebnete damit den Weg für die Textilherstellung, wie wir sie heute kennen. Natürlich bleibt auch den Deutschen die Suche nach diesem Wunderstoff nicht verborgen und zeitgleich arbeitet Paul Schlack, Chemiker bei der deutschen I.G. Farben, an einer Lösung. Der Durchbruch gelingt diesem mit Perlon. Es wird zum deutschen Pendant für Nylon.

Kurze Zeit später beginnen bei ELBEO erste Experimente mit der Kunstfaser. Ziel ist es, den wachsenden Bedarf an Damenstrümpfen zu decken und das Produkt noch feiner, robuster und besser zu machen. Mit der Vorstellung des neuen Perlonstrumpfs 1945 wird bei ELBEO eine neue Ära der Strumpfherstellung eingeläutet. Gleichzeitig präsentieren sie damit den ersten europäischen Perlonstrumpf und machen sich unabhängig vom amerikanischen Stoffmarkt.

 

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Nach Flucht kommt Wirtschaftswunder

Fachkräfte, bedroht durch Demontage, Enteignung und Arbeitsplatzverlust, flüchten nach dem zweiten Weltkrieg in den Westen. Dort stellen sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zur Verfügung, um dem Westen zu wirtschaftlichem Aufschwung zu verhelfen und machen so das Wirtschaftswunder möglich. ELBEO erlebt ebenfalls eine solche Geschichte.
Mit Ende des Zweiten Weltkrieges und Vorstellung des ersten Perlonstrumpfes ist Schluss mit der Oberlungwitzer Strumpftradition. Durch die Sowjets demontiert und um viele ihrer Muster beraubt, suchen die Bahners im Westen Deutschlands ihr Glück. Die Familie wagt dabei den Sprung ins kalte Wasser und siedelt 1946 samt Firma und vielen Angestellten nach Augsburg um. Der Standort ist strategisch günstig gewählt, gilt die Stadt doch als das Zentrum der Textilwirtschaft in Westdeutschland. Dort wird die Produktion unter Leitung von Ernst Bahner erneut aufgenommen und weitere Standorte folgen.

In Kiel eröffnet unter Leitung von Johannes Bahner, einem weiteren Sohn Bahners, eine Niederlassung. Der dritte Bahner Sohn, Karl, zieht mit seiner Familie nach Lauingen und gründet dort seine eigene Firma „Bi“, in der er ebenfalls Strumpfmode herstellt. 1948 folgt ein weiteres Familienmitglied in den Westen, Hermann Bahner, welcher die Leitung der Niederlassung in Mannheim übernimmt. Mit Ostdeutschem Know-How gelingt es ELBEO, im bayrischen Augsburg Fuß zu fassen und sich erneut als eine der führenden Marken für Strumpfwaren zu positionieren.

1946 – 1994 ein halbes Jahrhundert Augsburg

Mit der Einführung des ersten Stützstrumpfes im Jahr 1959 sichert sich die Firma eine erneute Marktführerschaft. Die 1962 bei ELBEO eingeführte Marke COMPRESSANA wird zum Selbstläufer. Sie widmet sich ganz dem medizinischen Sektor der Strumpfherstellung. 1994 wird sie schließlich zur eigenen Firma.
1970 erfolgt die Umstellung auf computergesteuerte und fotomechanische Produktion und 1984 hat ELBEO seinen Mitarbeiterstamm in Augsburg wieder auf 1110 Angestellte ausgebaut. Im Jahr 1989 schließlich, 100 Jahre nachdem Louis Bahner der Firma den unverwechselbaren Namen verlieh, gibt die Familie Bahner die Familienführung auf und ELBEO geht in die Vatter Gruppe über. Im Oktober 1994 wird schließlich die Aufgabe des Standortes Augsburg bekannt gegeben.

Historische Werbeanzeige von Elbeo
© Historische Werbeanzeige: Elbeo; Foto: Sunny-Dessous

Und heute?

Die über 300 Jahre alte Firmentradition lebt weiter und ELBEO Strümpfe sind wieder in Mode. Die exklusiven Strümpfe sind sehr gut im Fachhandel positioniert und stehen auch heute noch für erstklassige Qualität. Die Familie Bahner und Strümpfe sind noch immer nicht zu trennen. Sei es in beratenden Positionen beim Strumpfhersteller oder als Inhaber ganz eigener Marken, wie Jörg Bahner, der die Marke Bahner Stützstrümpfe betreibt.
Und auch ELBEO erfreut sich nach wie vor großer und stetig wachsender Beliebtheit. Nach dem Markenrelaunch 2009/2010 und der 2016 erfolgten Übernahme Seitens der Hanesbrands Inc. ist die Marke zwar nicht mehr in Familienhand, doch noch immer sind Marke und Familie miteinander verbunden und sei es nur in den Köpfen der Menschen.

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