Entgiftet unsere Kleidung! – Wie Greenpeace mit seiner Detox-Kampagne die Fashion-Industrie verändert

T-Shirts an Kleiderstande
©istock/Björn Forenius
Auf der Welt werden jedes Jahr etwa 80 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt. Bei dieser unfassbaren Zahl muss klar sein, dass nicht nur die Umwelt stark darunter leidet, sondern auch die Billiglohnarbeiter in Asien, Südamerika oder Afrika. Um diese Zustände zu ändern, hat Greenpeace 2011 seine sogenannte „Detox-Kampagne“ ins Leben gerufen.

Danach verpflichten sich mittlerweile 79 global agierende Modemarken – darunter Puma, Nike, adidas, C&A, Zara, Mango, H&M, Levis und Benetton – in ihren Textilien bis 2020 alle Schadstoffe durch ungefährliche Substanzen zu ersetzen.
Wir von SUNNY DESSOUS erklären im folgenden Text, worum es sich beim Bekleidungs-Detox handelt, wie die Fortschritte der Kampagne aussehen und welche Giftstoffe genau komplett aus unseren Bekleidungsstücken verschwinden sollen.

Inhaltsverzeichnis

Den Zusammenhang zwischen Billigjeans und Umweltverschmutzung herstellen

Die Bilder von gigantischen Textilfabriken, vor allem in Asien, gingen schon vor Jahren um die Welt und immer mal wieder brannte eine Produktionsstätte in Bangladesch oder stürzte eine Fabrik in Indien ein. Das sorgte meist für kurze Aufreger, aber die Verbindung der gesehenen Bilder zum Kauf der eigenen Billigjeans oder des 3-Euro-T-Shirts wollten die meisten dann doch nicht konsequent herstellen. Wer etwas genauer hinsehen wollte, war Greenpeace. Und nach jahrelangen Untersuchungen vor allem in China, bei denen die Verbindungen zwischen dortigen Textilfabriken (die gefährliche Chemikalien in Seen, Flüsse und das Meer einleiteten) und großen Fashion-Playern wie adidas und Nike erstmals detailliert dargestellt werden konnten, veröffentlichte die Umweltschutzorganisation 2011 den „Dirty Laundry“ Bericht und starteten noch im selben Jahr ihre mittlerweile weltweit bekannte „Detox-Kampagne“.

 

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Giftige Chemikalien nicht nur auf Aldi-Wühltisch

Seitdem hat Greenpeace immer wieder Kleidung getestet, die in unseren Shops liegt und dort ebenfalls eine ganze Anzahl gesundheitsgefährdender Chemikalien gefunden. Und das nicht nur in den Discountern von Lidl und Aldi, sondern tatsächlich auch in der Versace-Boutique. Nachdem gerade die beiden großen Sportartikelhersteller adidas und Nike mit den „Dirty Facts“ konfrontiert waren und diese sich auch vor der Öffentlichkeit nicht mehr geheim halten ließen, erklärten sie sich bereit für die „Detox-Kampagne“. Ihr Ziel: Nach Puma die ersten sogenannten „Clean Water Champions“ zu werden. Das bedeutete, dass sie zusammen mit ihren Zulieferern alle giftigen, hormonstörenden und schwer im Boden abbaubaren Chemikalien aus ihren Produkten und Produktionsprozessen entfernen wollten. Der erste Schritt für die Unternehmen, die die Detox-Verpflichtung unterzeichnet haben, war die Erstellung einer schwarzen Liste gefährlicher Chemikalien, welche nun in allen Fertigungsstufen verboten ist und deshalb auch nicht ins Abwasser in und um die Produktionsstätten gelangen darf. Um welche Substanzen es sich dabei genau handelt und welche Auswirkungen sie auf Umwelt und Gesundheit haben, fassen wir weiter unten noch zusammen. Mittlerweile sind den drei ersten Firmen innerhalb von wenigen Jahren 76 weitere gefolgt. Darunter sind mit C&A, Zara, Mango, H&M, Levis, benetton und G-Star nicht nur Fashion-Hersteller, sondern mit Lidl, Aldi, Kaufland, REWE und Tesco auch mächtige Vertriebsunternehmen.

Adidas – Clean Water Champion mit Rückfallgefahr

Bislang haben also 79 Unternehmen des globalen Bekleidungsmarktes die Detox-Verpflichtung von Greenpeace unterschrieben. Und obwohl diese Firmen nur etwa 15 Prozent der weltweiten Textilproduktion ausmachen, hat die Vereinbarung bereits deutliche Auswirkungen auf die Produktionsprozesse für alle. H&M, Nike oder adidas sind gerade in Asien mächtige Auftraggeber. Und wenn für diese eine Fabrik in Malaysia, Indonesien oder China giftfrei wird, kehrt sie den Prozess für einen kleineren Partner nicht wieder um. Greenpeace hat damit genau die richtigen Adressaten für ihre Kampagne gefunden. Denn es waren vor allem westliche Modefirmen, die aufgrund geringerer Kontrollen, fehlender Arbeitnehmerrechte und steuerlicher Erleichterungen ihre Produktion aus den Kontrollgebieten heraus in (damalige) Entwicklungsländer wie China, Vietnam, Indien und Bangladesch verlegt hatten. Dabei lassen sich die Kontrolleure von Greenpeace nicht die Augen verwischen. Adidas beispielsweise hatte zwar die Detox-Verpflichtung unterschrieben, aber in den ersten Jahren kaum etwas getan, um diese einzuhalten. Greenpeace testete daraufhin erneut die Kinder- und Badebekleidung, konnte dabei erneut alarmierende Konzentrationen von Giften nachweisen und veröffentlichte diese Ergebnisse umgehend. Was folgte, waren weltweite Demonstrationen und Proteste vor Fertigungsbetrieben, Shops und auch bei Jahreshauptversammlungen des Unternehmens. Adidas lenkte sofort ein, präsentierte einen glaubwürdigen Änderungsplan und konnte seine Werte seitdem signifikant verbessern.

Schlechtes Zeugnis für die Outdoor-Branche

Ein schlechtes Zeugnis von Greenpeace – und daran hat sich bis heute fast nichts geändert – bekam die Outdoor-Branche. Zwar zeigt genau die sich oft besonders naturverbunden, aber gerade die besonders atmungsaktive und zugleich wetterfeste Kleidung beinhaltet hohe Mengen an poly- und perfluorierten Chemikalien (PFC). Diese Substanzen schädigen den Menschen auf vielfältige Weise. Zudem ist PFC extrem langlebig und kann deshalb von Wasser und Wind über Jahre überallhin getragen werden. Nach Angaben von Greenpeace scheint es zu dieser Chemikalie bereits Alternativen zu geben. Der Großteil der Outddoor-Branche – abgesehen von den Marken Vaude, Paramo und Rotauf – bekam auch in diesem Jahr ein „ungenügend“ ausgestellt und hat deshalb noch eine Menge Nachholbedarf.

Über zwei Drittel der Greenpeace-Vorgaben sind bereits erfüllt

Greenpeace hat im sich Gründungsjahr der Detox-Kampagne zum Ziel gesetzt, dass der Gebrauch von elf aufgelisteten Chemikalien innerhalb der Fertigungsketten und in den Textilien auf Null gesenkt werden soll. Bis dahin ist es jetzt noch ein Jahr und die Frage ist: Wie sieht es mit Erfolgen aus? Greenpeace selbst erklärte dazu in seinem letzten Jahresbericht 2018, dass 72 Prozent der verpflichteten Marken bereits jetzt die Vorgaben hinsichtlich der Veröffentlichung von Lieferantenlisten (wo der größte Teil der Chemikalien zum Einsatz kommt) realisiert haben. Diese Marken werden die Liste innerhalb der nächsten zwei Jahre auch auf die Hersteller von Garnen ausdehnen und verpflichten sich außerdem, den umweltfreundlichen Einsatz von Viskose zu berücksichtigen. Fast 80 Prozent der Marken haben bereits jetzt die vollständige Entfernung von poly- und perfluorierten Chemikalien (PFC) aus ihren Produkten erreicht. Der Rest, so Greenpeace, soll diesbezüglich „gute Fortschritte machen“.

Frau mit Setzling auf der Hand
Nicht nur die Industrie muss umdenken, um die Natur dauerhaft intakt zu halten ©istock/jacoblund

Eine weiterhin tickende Zeitbombe – der Überkonsum von Kleidungsstücken

All dieser Fortschritt könnte jedoch schnell untergraben werden, wenn das Kernproblem der massiven Umweltbelastung durch die Textil-Industrie nicht erkannt wird. Dieses nämlich liegt im übermäßigen Gebrauch von Bekleidungsstücken durch die Konsumenten. Laut den Statistiken von Greenpeace wird der Konsum von Textilien von 62 Millionen Tonnen im Jahr 2017 auf 102 Millionen Tonnen im Jahr 2030 steigen. Das bedeutet ein Anstieg von gewaltigen 63 Prozent. Jeder Deutsche kauft schon jetzt pro Jahr 60 neue Teile. Fast die Hälfte davon wird nie oder nur selten getragen. Um den Planeten also wirklich von den Belastungen durch die Textilien zu „entgiften“, ist auch ein Bekenntnis jedes Einzelnen von uns zu einem anderen Lebensstil von Nöten. Entsprechende Tipps hierzu findet ihr in unserem SUNNY-MAGAZIN-Text „Frühjahrsputz im Kleiderschrank“.

Blockchain-Lösungen gegen die Fälschungsindustrie

Ein ganz gewaltiges Problem für die bekannten Modemarken ist natürlich, dass sie oft und in großer Zahl gefälscht werden und auf diesen Fälschungen dann zwar das Logo prangt, die Marken aber hier hilflos gegen die Verwendung von giftigen Chemikalien sind. Mittlerweile kosten Fälschungen von Bekleidungsstücken und Accessoires europäische Spitzen-Marken jährlich bis zu 26,3 Milliarden Euro. Und die Summe wird wachsen, da Plattformen wie Alibaba dazu beitragen, dass gefälschte Waren sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Was dagegen helfen kann, sind sogenannte Blockchain-Lösungen (zum Beispiel vom Start-Up „Provenance“) mittels denen jedes physische Produkt mit einem digitalen „Reisepass“ ausgestattet werden kann, so dass die Echtheit und der Ursprung auch von Textilien zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.

Im zweiten Teil stellen wir Euch die 4 wichtigsten Gifte vor, die durch die Detox-Kampagne von Greenpeace komplett aus unseren Textilien und auch aus deren Fertigungsprozessen verschwinden sollen.