Grün – das Wachsen, Reifen und Vergehen

Glückssymbol: grüne Kleeblätter
©pixabay/jeonsango
Es ist die Farbe, die mit Abstand den größten Teil unseres Farbspektrums ausmacht. Nichts umgibt uns mehr als Grün und an nichts ist das menschliche Auge mehr gewöhnt. Doch obwohl sie DAS Symbol für Wachstum und Lebendigkeit ist, verbergen sich auch dunkle Seiten hinter ihr.

Grün steht ebenso für Gift wie für Eifersucht. Und seine Schönheit, so warnte Leonardo da Vinci, ist flüchtig und verschwindet in der Luft. Nichtsdestotrotz sind zum Beispiel weltweit alle OP-Kittel und viele Krankenhauswände grün. Warum, erfahrt ihr in diesem Magazinbeitrag von SUNNY DESSOUS über die Bedeutung und Wirkung der Farbe Grün.

„Es ist nicht leicht, grün zu sein!“

Kermit, der Frosch, aus der Muppetshow

Beruhige dich und verweile!

Grün – das weiß man eigentlich schon von Kindesbeinen an – entsteht, wenn man die beiden Farben Gelb und Blau mischt. Gelb wirkt auf die menschlichen Sinne aufmunternd und regt den Geist an, während Blau eher passiv macht und sich entfernt anfühlt. Grün ist weder das eine noch das andere und wirkt, das wusste schon der „Farbengelehrte“ Johann Wolfgang von Goethe, beruhigend. Man wolle nicht weiter und könne auch nicht weiter. Das, so der Dichter, sei das Verführerische an dieser Farbe.

Wald, Greenpeace und der grüne Daumen

Grün ist vor allem anderen die Farbe des Lebens, die Farbe unseres Sehnsuchtsortes, des Waldes, und des allgemeinen Wachstums. Das Wort stammt aus dem Althochdeutschen und hieß ursprünglich „gruon“, was soviel wie „sprießen“, „gedeihen“ oder „wachsen“ bedeutet. Es ist die Farbe des Grases, der Bäume und Blätter. Es ist auch die Farbe der meisten Pflanzen auf dem Planeten. Und nicht umsonst hat jemand, der den Garten zum Blühen bringen kann, einen „grünen Daumen“. Die Aktionen von Greenpeace sorgen weltweit vor Furore und auch die Partei der „Grünen“ hat sich zur Aufgabe gemacht, uns vor den schlimmsten ökologischen Auswirkungen der Industrialisierung zu beschützen.

Der Grünschnabel muss noch reifen

Es gibt weltweit tatsächlich kaum eine Beere oder Frucht, die nicht von Grün über Gelb, zu Rot, Blau und Schwarz reifen würde. Das heißt, dass im Anfangsstadium der Unreife immer alles grün ist. Die Redewendungen, dass jemand noch ganz „grün hinter den Ohren ist“ und deshalb ein rechter „Grünschnabel“ oder wie der Engländer sagen würde ein rechtes „Greenhorn“ ist, leitet sich daraus ab. Die Symbolik – Jugend, Torheit, Unreife – findet sich auch in der mittelalterlichen Malerei, wo grüne Kleidung immer auch für beginnende Liebe verwendet wurde. Die grüne Seite stand für eine hoffnungsfrohe Zukunft und die Verneinung dessen findet sich in der Redensart, dass man „sich nicht besonders grün ist“.

 

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Wir geben grünes Licht

Grün ist auch eine Farbe der Erlaubnis und der Sicherheit. In den USA hofft man auf grünes Licht hinsichtlich der Aufenthaltsgenehmigung, wenn man eine Green Card beantragt. Grüne Pfeile und Ampeln signalisieren uns weiterzufahren, weiterzumachen. Wenn alles seinen geplanten Gang geht und man sich in Sicherheit wiegen kann, ist man immer noch im „grünen Bereich“. Auf Kontrolllampen und Armaturen warnen uns rote Lampen vor Gefahr, während grün immer „alles in Ordnung“ heißt. Bei erfolgsversprechenden Projekten gibt man „grünes Licht“. Bei technischen Geräten signalisiert eine grün leuchtende Diode den Betrieb und auch auf den Mobiltelefonen hat sich diese Farbgebung längst durchgesetzt.

Grün in Mode und Malerei

Die Herstellung grüner Farbpigmente war in den vergangenen Jahrhunderten oft nicht ganz leicht. Malachit wurde pulverisiert, der Saft von Sanddornbeeren oder das Pulver aus getrockneten Fingerhüten verwendet. In der Antike ließ man gar Rotwein über eine Kupfer- oder Messingklinge träufeln und schabte dann die essiggrüne Kruste ab. Doch die grüne Farbe, auch aus Blättern, Moosen, Farnen und Flechten gewonnen, bleichte schnell aus und wirkte beim abendlichen Kerzenlicht eher blass und stumpf. Grün gefärbte Stoffe galten als preiswert und nicht besonders nobel. Nicht umsonst malte Leonardo da Vinci seine Mona Lisa in einem grünen Kleid, und zeigte damit ihre nicht adelige Herkunft. Erst 1863 entwickelte der Chemiker Eugen Lucius das sogenannte Aldehydgrün. Diese Mischung wurde von Seidenwebereien in Lyon angekauft und entwickelte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer echten Modesensation.

Claude Monet, Mohnfeld bei Argenteuil (1873)
Claude Monet, Mohnfeld bei Argenteuil (1873) gemeinfrei

Oasen, Saint Patricks Day und die grüne Hölle

Grün ist DIE Farbe des Islam. Nicht umsonst enthalten viele Flaggen Arabiens (Mauretanien, Lybien, Saudi-Arabien) überwiegend grün. Als Erklärung wird hier immer wieder die Lieblingsfarbe des Propheten Mohammed herangezogen. Allerdings heißt „Grün“ für alle in der Wüste lebenden Völker immer schon Wasser, Oase, Bäume, Leben. Die Farbe Grün ist heilig und wird mit dem Garten Eden, dem Paradies gleichgesetzt. Ganz anders empfinden das übrigens Bewohner von Dschungel- und Urwaldgebieten. Hier wird die alles überwuchernde Vegetation als eine verschlingende Übermacht wahrgenommen und gefürchtet. Nicht umsonst ist in diesem Zusammenhang auch schon mal von der „grünen Hölle“ die Rede. Im Katholizismus ist Grün übrigens die Farbe der Auferstehung und somit auch von Ostern. Das beginnt bekanntlich ja auch mit „Gründonnerstag“. In Irland, der „grünen Insel“, steht die Farbe auch für den mittlerweile weltweit zelebrierten Saint Patricks Day. In Asien symbolisiert das Jade-Grün übrigens das Zen, den Einklang von Körper und Geist.

 

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Olivgrün, Flaschengrün und … Tschitscheringrün

Grün hat ein unvergleichlich großes Farbspektrum. Dabei wird ein zartes Grün mit Keimlingen, jungen Knospen und frischem Gras mit Aufbruch und langsamen Werden in Verbindung gebracht. Ein dunkles Tannengrün verleiht uns eher Ruhe und innere Gelassenheit und steht für unerschütterliche Souveränität. Ein eher mittleres, neutrales Grün assoziieren wir mit Ausgeglichenheit, während ein eher gelblicher Stich etwas Drang- und Zwanghaftes hat. Dieses Grün animiert uns zu Wachstum und Expansion.
Blaugrün oder Grünblau sind Gletscher und Bergseen. Auch diese eher kühle und distanzierte Note kann Grün bekommen. Eine undefinierbare Mischung aus allen möglichen Grüntönen wird vor allem in Sachsen als Tschitscheringrün bezeichnet. Trabanten und die Uniformen der sowjetischen Soldaten waren „tschitscheringrün“, was sich nach einem thüringischen Umgangssprachführer von 1895 auf das italienische Wort für die Kichererbse „ciceri“ oder sächsisch „tschitscheri“ zurückführen lässt. 2010 wurde „dschidschoriengrien“ übrigens in Sachsen als „bedrohtestes Wort des Jahres“ gewählt.

Trabant 601 in Tschitscheringrün
Mick from England, Trabant (Panasonic G1) – Flickr – mick – Lumix, CC BY 2.0

Giftgrün

Leuchtende und intensive Grüntöne werden gemeinhin als Giftgrün bezeichnet – und das lange Zeit zu Recht. Denn die dauerhaftesten Grünpigmente, allen voran das arsenhaltige Schweinfurter Grün, enthielten mit Chromgrün, Kupferacetat (auch Grünspan genannt) und anderen Kupferpatinen hochgiftige Pigmente. Schon 1775 hatte der schwedische Chemiker Carl Wilhelm Scheele mit seiner Farbe „Scheele’s Green“ eine tödliche Mixtur in die Kunstwelt gebracht. Die Tatsache, dass dieser spezielle Farbton für die Einfärbung von Napoleon Bonapartes Schlafzimmertapete verwendet wurde, zwingt viele Historiker zu glauben, dass Scheeles Grün den Tod des großen Franzosen im Jahr 1821 verursacht hat.
Im 19. Jahrhundert wurde die tödliche Kombination durch die Mischung aus Kupfer und Arsen ersetzt, die eine haltbarere Alternative zu „Scheele‘s Green“ zu ermöglichen schien. Viele impressionistische Maler, die sich der Erforschung der Natur verschrieben hatten, nutzten den neuen Farbton, der in ihrer Produktion faszinierender Landschaftsgemälde „Paris Green“ genannt wurde. Weniger giftig war allerdings auch dieses Grün nicht. Immerhin wird es für Paul Cezannes Diabetes und Claude Monets Blindheit verantwortlich gemacht. Wenig überraschend wurde diese Farbe in den 1960er Jahren verboten.

„Der ist ja ganz grün im Gesicht“

Die Gesichtsfarbe grün steht für Blutarmut und einen allgemein „fahlen“ Gesichtsausdruck. Grün kann der Mensch auch „vor Gier“ oder „vor Neid“ werden. Shakespeare sprach hinsichtlich der Eifersucht gar von einem „grünäugigem Monster“. Doch die Ägypter stellten auch ihren Gott Osiris „grashäutig und mager“ dar. Der „große Grüne“ wie er auch genannt wurde, wurde als eine Art Serienwiederbelebter gesehen – seine grünen Wangen waren Ausdruck des Überflusses der Fluten und der blühenden Pflanzenwelt. Nur er konnte den Pharaonen den Weg zur Auferstehung zeigen.

Grüne Smoothies gelten als sehr gesund
Grüne Smoothies gelten als sehr gesund ©pixabay/marijana1

Halbgötter in Grün

Damit sich Gäste und Künstler vor einer Show nochmal beruhigen und sammeln können, haben die meisten großen Theater und TV-Studios einen sogenannten „Green Room“. Auch die Wände in Krankenhäusern und Krankenzimmern werden seit langem auf der ganzen Welt bevorzugt in einem sanften Grünton gestrichen, damit die Heilkräfte und die Zuversicht der Patienten gestärkt werden. Noch viel interessanter ist allerdings, warum seit nunmehr über 50 Jahren die OP-Kittel der Ärzte statt klassisch weiß, grün sind.
Dafür gibt es zwei leicht zu verstehende Gründe: Erstens liegen Rot und Grün auf zwei gegenüberliegenden Enden des Farbspektrums. Und bei Operationen ist Blutrot die alles dominierende Farbe. Da es kein rötliches Grün oder grünliches Rot gibt, lassen sich diese beiden Farben besonders gut voneinander unterscheiden. Auf der anderen Seite erzeugt das lange Sehen in rote Farbe im menschlichen Auge eine sogenannte „grüne Illusion“, wenn wir unseren Blick auf weiße Gegenstände richten. Grüne Kittel sind deshalb die beste verfügbare Option, da die „grüne Illusion“ direkt darin integriert ist.

freier Journalist für die Berliner Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung und das Sunny-Dessous Magazin

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