Baumwolle III – Umweltprobleme und Auswege

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©Pixabay/karygrabovski
Dass bei einem T-Shirt-Preis von unter zehn Euro irgendwas oder irgendwer in irgendeiner Form auf der Strecke bleibt, liegt auf der Hand. Sunny Magazin zeigt, welche Kosten mit dem Anbau von Baumwolle verbunden sind, welche Chemikalien bei der Verarbeitung zum Einsatz kommen – und welche Auswege es aus der klassischen Baumwoll-Industrie gibt. Wo liegen die Probleme?

Es ist nicht alles schlecht per se. Baumwolle ist eine der schönsten Textilfasern, die wir kennen. Und ihr Anbau kann umweltschonend erfolgen und die Verarbeitung Natur und Menschen schützen bzw. fair behandeln. Aber je größer die Mengen, die verarbeitet werden und je geringer der Preis, der wir am Ende für Baumwollprodukte bezahlen, desto höher steigt der Preis für Böden, Flüsse, Seen und alle, die mit dem Prozess der Baumwollgewinnung und – Weiterverarbeitung zu tun haben: Bauern, Pflücker, Veredler und Näher.
Vor fünf großen Problemen steht die Baumwollindustrie: Wasser, Boden, Umweltverschmutzung, Gesundheit und Verdienst.

Wasser

Aral-See: Vergleich 1989 und 2003
Aral-See zwischen Usbekistans und Kasachstan: Vergleich 1989 und 2003 ©Wikimedia Commons Lizenz: CC0 1.0 Public Domain

Baumwolle ist eine besonders durstige Pflanze. Sie braucht große Mengen an Süßwasser. Allein der Anbau für ein Unterhemd verschlingt bis zu 2000 Liter. Das sind mehr als zehn Badewannen. In den Subtropen und Tropen wäre die Menge kein großes Problem, regnet es ausreichend. Trotzdem werden 75 Prozent der weltweiten geernteten Baumwolle nicht mehr in ihrer alten Heimat angebaut, sondern in Trockengebieten. Denn der Regen ist Segen wie Fluch für die Produzenten. Saugen sich die watteähnlichen Knospen mit Wasser voll, verfaulen sie schnell.
Der Ausweg heißt: trockenes Klima und künstliche Bewässerung. Das aber hat vielerorts dazu geführt, dass Flüsse austrocknen, Böden versalzen oder der Grundwasserspiegel rund um die Plantagen rapide sinkt. Oftmals sind die Auswirkungen derart verheerend, dass ganze Seen verschwinden. So wie etwa der frühere Aral-See zwischen Usbekistans und Kasachstan. Der abflusslose Salzwasser-See war mit 68 000 Quadratmetern einst der viertgrößte Binnensee der Welt. Heute ist er nur noch eine Erinnerung. Seine Austrocknung setzte ein, als die Kolchosen der Sowjetunion in den 1960iger Jahren begannen, ihre gewaltigen Baumwollfelder mit Wasser aus den zwei Zuflüssen Amudarja und Syrdarja zu bewässern.

Boden

Drei Faktoren setzen den Böden zu, auf denen Baumwolle wächst: die Bewässerung, Monokultur und der Einsatz von Pestiziden und Entlaubungsmitteln.
Baumwolle hat eine lange Wachstumszeit. Für Feldbestellung und Neuaussaat bleiben meist nur drei, vier Monate. Das ist zu wenig, um Zwischenfrüchte anzubauen, die den Boden qualitativ wieder aufpäppeln könnten. Besonders auf großen Flächen wird Baumwolle ohne Fruchtwechsel mit anderen Nutzpflanzen angebaut. Die Konsequenzen sind der Verlust von Fruchtbarkeit und Biodiversität. Stattdessen veröden und erodieren die Böden. Und die Pflanzen werden anfällig für Krankheiten und Schädlingsbefall, was wiederum die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln nach sich zieht. Pro Saison wird die Baumwolle deshalb durchschnittlich 20 Mal mit Ackergiften aller Art besprüht. Die Mengen sind gewaltig. Um die Jahrtausendwende entfielen elf Prozent des weltweiten Einsatzes von Pestiziden auf den Anbau von Baumwolle. Kein anderes landwirtschaftliches Produkt wird häufiger gespritzt.
Dass Baumwolle auch noch Blätter hat, erhöht den Chemikalieneinsatz. Beim Handpflücken ist das Grünzeug kein Problem, es werden nur die aufgeplatzten Knospen geerntet. Bei einer Maschine hingegen schon, die greift sich nämlich nicht nur den Wattebausch. Um zu verhindern, dass die Ernte zu stark mit Gegenständen versetzt ist, die man später wieder herausklauben muss, müssen die Blätter im Vorfeld weg. Ein natürlicher Weg wäre, bis nach dem Frost zu warten. Aber Zeit ist Geld, auch in der Baumwoll-Branche. Die Pflanze wird deshalb chemisch entlaubt.

Ökologie und Gesundheit

Während ein baumwollenes Kleidungsstück oft nur wenige Euro kosten, bezahlen Natur und Menschen einen weit höheren Preis. Die Pflanzengifte etwa vernichten nicht nur Schädlinge, sondern auch allerhand Nützlinge und für die Bodenqualität wichtige Bodenlebewesen. Diese produzieren Humus, was wirkt wie Düngemittel. Zudem vergiften sie Seen, Flüsse und das Trinkwasser. Nicht zuletzt aber schaden sie den Menschen, die mit den Chemikalien in Berührung kommen. Sei es durch das Grundwasser. Oder direkten Kontakt.
Die meisten Bauern beispielsweise wissen nicht, womit sie es zu tun haben. Und das sind immerhin 99 Prozent aller Baumwollpflanzer weltweit. Das zweite Problem ist der geringe Erlös aus den Ernten. Schutzhandschuhe? Zu teuer. Atemmasken? Wovon bezahlen? Schutzanzüge? Nicht dran zu denken. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit pro Jahr 40 000 Menschen an Pestizidvergiftung in der Landwirtschaft. Ein Viertel davon in der Baumwollproduktion.

Reinigung von Baumwolle vor dem Färben in einer Manufaktur in Amarapura, Region Mandalay, Myanmar (Feb. 2017)
Baumwollreinigung vor dem Färben in einer Manufaktur in Amarapura, Myanmar (Feb. 2017). ©Wikimedia Commons/Mosmas Lizenz: CC BY-SA 4.0,3.0,2.5,2.0,1.0

Doch das ist nur ein Teil der Probleme, die beim Einsatz von Chemikalien entstehen. Bei der Verarbeitung der Baumwolle entsteht der andere. Und der hat es genauso in sich. Kein anderer textiler Rohstoff durchläuft nämlich so viele Veredelungsprozesse. Dabei werden oft Chemikalien verwendet. Zwei Beispiele:

  • Baumwolle wird geblichen, denn im Naturzustand haben die Fasern einen gelblichen, grauen oder bräunlichen Ton. Das geschieht u. a. mit Chlorverbindungen. Dabei wird das für den Menschen hochgefährliche Gift Dioxin gebildet.
  • Baumwolle wird oft gefärbt. In Niedriglohnländern nicht selten mit Azo- und Benzidinverbindungen. Sie sind krebserregend aber billig. In Deutschland sind sie verboten. Fixiert wird die Farbe übrigens mit Nitro oder Nistroseverbindungen, die Allergien auslösen können.

Gefährlich ist das nicht nur für die Arbeiter in den Färbereien und Baumwollveredelungsanlagen, sondern auch für den Endverbraucher. Zwar wird der Chemikalien-Cocktail am Ende aller Bearbeitungsprozesse herausgewaschen, Experten aber gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent im Stoff verbleiben. Um auch diese noch aus ihrem Unterhemd zu bekommen, sollten sie es vor dem ersten Tragen deshalb waschen.

Bezahlung

Als am 24. April 2013 in Savar nahe der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka ein neunstöckiges Gebäude ein, in dem fünf Textilfabriken untergebracht waren. Und begrub unter sich über 100 Näherinnen und Näher. Der Aufschrei weltweit war groß. Als die Rauchschwaden sich lichteten, schaute die Welt auf ein Land, in dem an die 5000 Fabriken unter teils katastrophalen Bedingungen wie dem zusammengefallenen Rana Plaza unsere Kleidungsstücke herstellen.

Einsturz des Rana Plaza am 24.04.13 in Savar nahe der bangladeschischen Haupstadt Dhaka ©Flickr/rijans – Dhaka Savar Building Collapse, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Mit Hilfe von korrupten Fabrikbesitzern, ausbeuterischen Löhnen, fehlendem Arbeitsschutz – und auch Kinderarbeit.
Schätzungen zufolge arbeiten allein in der Landwirtschaft weltweit 98 Millionen Jungen und Mädchen unter 14 Jahren, viele davon in Afrika, wo immerhin 16 Millionen Bauern vom Anbau der begehrten Naturfaser leben. Aber auch in China, Indien, Pakistan, Brasilien, in Usbekistan, der Türkei oder Kasachstan. Allein bei den zehn größten Produzenten weltweit liegen nur aus Australien und Griechenland keine Berichte über die oft eigentlich verbotene Arbeit von Kindern vor.
Dass die Kleinsten am schlechtesten bezahlt werden, liegt auf der Hand. Doch auch vielen ihrer Eltern geht es kaum besser. Eine Näherin in Indien etwa verdient 60 Euro im Monat, in Bangladesch liegt der Monatslohn bei 40 Euro. Das mag wenig oder ausreichend sein, je nachdem, mit was man das Salär vergleicht. Mit einem Bauern in Indien? Dann sind 60 Euro das Doppelte. Mit einem Handwerker in Deutschland, dann entsprechen 60 Euro anderthalb Arbeitsstunden brutto. Faktisch aber bleibt es ein Problem. Denn niemand in der gesamten Verarbeitungskette kann fair und angemessen etwas an seiner Arbeit mit Baumwolle verdienen, wenn ein Hemd nur 6,99 Euro kostet.

 

Dieser Artikel ist Teil III von IV zum Thema Baumwolle.
Hier geht es zu Baumwolle IV – Die Alternative: Bio und Fair Trade.

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