Working Moms in Deutschland – Die Realität über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Mutter telefoniert und schaut gleichzeitig nach Baby im Büro
© istock/RossHelen
 Es ist eine Szene, die im Internet immer mal wieder ein paar Wellen wirft. Die französische Schauspielerin Julie Delpy („Before Sunrise“) saß um das Jahr 2012 herum in einem deutschen ICE nach München und beschrieb folgende Szene: Sie selbst arbeitete an ihrem Laptop, während ihr Sohn mit dem Kindermädchen beschäftigt war, als eine deutsche Mit-Passagierin sie in strengem Ton ansprach und zur ihr sagte: „Sie sind die Mutter dieses Kindes und sollten sich zu ihm setzen und ihm vorlesen.“ Delpy war von dem Vorfall so perplex, dass sie in ihrem Internet-Post fragte: „Ist Deutschland für arbeitende Mütter (working moms) vielleicht das schlimmste Land in Europa?“

Wir von SUNNY DESSOUS wollen dieser Frage auf den Grund gehen und schauen, welche Ungleichheiten es in der Bezahlung zwischen Müttern und Vätern gibt, welche Probleme junge Frauen nach der Schwangerschaft beim Wiedereinstieg in den Job haben und inwieweit die Teilzeit-Arbeit für junge Mütter gewährleistet ist.

Die Arbeitswelt straft Mütter finanziell ab

Deutschland dient hinsichtlich seiner sozialstaatlichen Strukturen vielen Ländern der Welt als Vorbild. Doch wie sieht es konkret bei der Unterstützung junger Mütter aus? Wie verändert sich deren Berufsleben, sobald ein Kind da ist?

Diese Frage enthält einige Teilbereiche und muss deshalb auch in diese zerlegt werden. Da sind zunächst Fakten, die statistisch nicht wirklich belegt werden können, die aber ohne Zweifel die ganze Debatte entscheidend mitbestimmen. Was fast alle Mütter in Deutschland eint, ist eine Art schlechtes Gewissen, ob sie zwischen Familie und Beruf die richtigen Prioritäten setzt. Dabei hat die Mutter in der durchschnittlichen deutschen Familie immer noch einen Großteil der Fürsorgearbeit um die Ohren. Das bleibt auch so, wenn die Partner absolute Gleichberechtigung verabreden. Eine Gleichheit bezüglich der Elternzeit bleibt somit auch im 21. Jahrhundert eine Illusion. Umso schwerer wiegt der Fakt, da diese Fürsorge finanziell kaum ausgeglichen wird. Erschwerend kommen nicht unerhebliche Hindernisse beim Wiedereinstieg in den Job und schlecht organisierte Betreuungsangebote hinzu, die oftmals vor allem die Frauen in finanziell deutlich schlechtere Teilzeitarbeit zwingen. Dabei ist das oftmals kaum den Männern anzulasten, da die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland meist gar keine andere Praxis zulassen. Deshalb lohnt sich auch ein Blick auf die harten Zahlen zum Thema „Gleichberechtigung von Working Moms“:

 

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Mütter büßen durch Kinder ein – Väter nicht

Das Thema erzeugt bei vielen Müttern Groll und beschäftigt die jungen Familien. Und deshalb gibt es mittlerweile auch einige sehr interessante Studien. So stellte eine solche, mit dem Namen „Child Penalties“, Ende des vergangenen Jahres fest, dass es in den USA, Großbritannien, Deutschland, Schweden, Dänemark und Österreich eine klare finanzielle Benachteiligung von jungen Müttern gegenüber den Vätern gibt. In Deutschland, welches in dieser Studie gar den letzten Platz einnahm, verdienen Mütter etwa zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes kaum noch die Hälfte von dem, was sie im letzten Jahr vor der ersten Schwangerschaft verdient haben. Für Josef Zweimüller, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich ist es sogar so, dass Kinder in Bezug auf die Gehälter für junge Mütter eine Strafe sind. Das, so Zweimüller „ändert sich erst, wenn Männer in Bezug auf Haushalt und Kinder dieselben Pflichten übernehmen wie jetzt nur die Frauen und die Frauen gleichzeitig in die Lage versetzt werden, in ähnlichem Maße wie jetzt nur Männer zum Erwerb des Haushaltsbudgets beizutragen.“

Mutter-Strafe und Vater-Bonus

Allerdings werden Mütter nicht nur betraft, sondern Väter sogar mit einem „Kinder-Bonus“ versehen. Wie die amerikanische Fachzeitschrift „Work, Employment and Society“ in einem Artikel feststellt, sei in fast allen Volkswirtschaften der westlichen Welt das Phänomen festzustellen, dass Väter sogar mehr verdienen, wenn sie Familien gegründet haben, obwohl sie in diesem Zeitraum weniger leisteten. Das sei darauf zurückzuführen, dass es eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz der Rolle des Vaters als Verdiener der Familie gäbe und die Männer deshalb mit vermehrter Rücksichtnahme ihrer Arbeitgeber rechnen könnten. Eine fatale Entwicklung, wie das Magazin in seinem Artikel schlussfolgert. Denn diese Sichtweise würde die herrschenden Verhältnisse zementieren und die Mutter auch im 21. Jahrhundert in finanzieller Abhängigkeit des Mannes halten.

Im Westen befürworten nur 22 Prozent vollbeschäftigte Mütter von Schulkindern

Ganz hinten im Ranking rangiert Deutschland auch bei der Akzeptanz von vollbeschäftigten Müttern. Zumindest gilt das für die alten Bundesländer. Dort befürworten lediglich 22 Prozent der Bevölkerung, dass Mütter von Schulkindern einer Vollbeschäftigung nachgehen. Relativiert wird die Zustimmung von 56 Prozent im Osten. In den USA sind es 58 Prozent und in Dänemark sogar 76 Prozent. Nach Professor Josef Zweimüller ist die Akzeptanz der Vollbeschäftigung von Müttern allerdings nach wie vor in starkem in Maße davon abhängig, wie leistungsstark die betroffenen Frauen auch während einer Mutterschaft wahrgenommen werden. Auch in den USA und ebenso im immer fortschrittlich beurteilten Skandinavien sehen immer noch nur knapp die Hälfte aller Arbeitgeber berufstätige Mütter als lediglich eingeschränkt leistungsfähig an.

Die allgemeine Situation in Deutschland

Obwohl Deutschland einer der fortschrittlichsten Sozialstaaten der Welt ist, ist die Situation von „arbeitenden Müttern“ in vielen Aspekten miserabel. Das fängt bereits mit den Möglichkeiten für die Kinderbetreuung an. Gerade in den Großstädten gibt es mittlerweile einen erbarmungslosen Wettbewerb um die wenigen offenen Vorschul- und Kita-Stellen. Nach nervigen Bewerbungsprozeduren werden oftmals die Eltern ausgewählt, welche sich aktiv an der Schul- oder Kindergartenarbeit beteiligen können. Dass das nicht zu einem Vollzeitjob passt, muss jedem klar sein. In Frankreich beispielsweise gibt es sogar in kleinen Dörfern eine Vorschule und darüber hinaus ein staatlich zertifiziertes Betreuungssystem durch Kindermädchen. Julie Delpy lässt grüßen…

 

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Berufstätige Mütter in Deutschland haben ein schlechtes Gewissen

Doch auch die Mütter selbst spielen in Deutschland das Spiel mit. Schaut man sich die Herangehensweise der Kindererziehung in fast allen übrigen westlichen Ländern an, dann ist es vor allem die deutsche Mutter, die sich schuldig fühlt, dass sie ihr Kind zumindest teilweise von anderen betreuen lässt. Deshalb versuchen sie, das Kind frühzeitig abzuholen und auf keinen Fall die Letzte zu sein. Auch hier stellt Frankreich das Gegenteil dar. Dort herrscht nach Aussage zahlreicher Pädagogen eher die Einstellung, dass Kindertagesstätten aufgrund ihrer sozialen Aktivitäten gut für den Nachwuchs sind. Allerdings ist es in Deutschland heute oft so, dass auch die Betreuer in den Kindertagesstätten an ihre Belastungsgrenze kommen und deshalb oftmals keine guten Pädagogen mehr sein können. Sieht man alle Probleme zusammen, dann braucht Deutschland wohl am ehesten eine grundlegende Reform seiner Vorschulstrukturen.

Jede vierte Frau verlässt nach Geburt des ersten Kindes den Arbeitsmarkt für immer

Frauen haben weltweit große Fortschritte in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, Politik und Gleichstellung gemacht, aber von der Erwerbsbeteiligung nach der Geburt des ersten Kindes bleibt die junge Mutter in fast allen Ländern der Welt nach wie vor in großen Teilen ausgeschlossen. So verlässt in Großbritannien und Deutschland eine von vier Frauen nach der Geburt des ersten Kindes den ersten Arbeitsmarkt für immer. Ein besonders starkes Indiz für das Ungleichgewicht von Männern und Frauen nach der Familiengründung ist das Arbeiten in Teilzeit. So arbeiten in den fortschrittlichen Industrienationen durchschnittlich 26 Prozent aller Frauen aber nur 7 Prozent aller Männer in Teilzeit.

 

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Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeiten und Erziehungsgeld

Allerdings steht die Teilzeitarbeit bei den meisten Firmen nicht besonders hoch im Kurs. Personalentscheider sehen berechtigterweise den hohen Verwaltungsaufwand und auch den Fakt, dass mit Teilzeitarbeit Karrieren nicht gerade beginnen, sondern eher beendet werden. Für viele Mütter heißt das, dass sie sich – wollen sie berufstätig sein – eher selbstständig machen. Doch längst nicht jede Frau ist für diese Art der Unabhängigkeit gemacht und viele scheitern trotz gut funktionierender Netzwerke und kreativster Ideen. Das Elterngeld wird von den meisten deutschen Frauen als gute Sache eingeschätzt. Allerdings endet seine Zahlung spätestens nach 14 Monaten. Dann hat die junge Mutter nur noch Anspruch auf Sozialleitungen oder muss in den Arbeitsmarkt zurückkehren, will sie Kinder-bedingte Gehaltseinbußen zumindest ansatzweise ausgleichen. Viele sehen eine Möglichkeit zur größeren Vereinbarkeit von Beruf und Familie beizutragen in der Anwendung flexibler Arbeitszeiten. Wie Studien nahelegen, müssten aber gerade Frauen durch politische Maßnahmen vor übermäßiger Nacht- und Wochenendarbeit geschützt werden, da diese auf das Familienleben einen negativen Einfluss haben kann. Fast alle Untersuchungen dieser Thematik kommen übrigens zu dem Schluss, dass umfangreiche politische und gesetzliche Veränderungen notwendig sind, um die Arbeitsfähigkeit der Mütter zu fördern und damit einen wichtigen Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter in der modernen Gesellschaft zu leisten.

Was muss passieren?

Die französische Feministin Simone de Beauvoir sagte 1975: „Keine Frau darf zu Hause bleiben, nur um ihre Kinder großziehen. Frauen sollten diese Wahl gar nicht haben, gerade weil, wenn es eine solche Wahl gibt, sich zu viele Frauen dafür entscheiden.“ Ein Ansatz, den kürzlich auch Sarrah Le Marquand, Chefredakteurin des australischen Magazins Stellar teilte, als sie behauptete, dass es gesetzlich verboten sein sollte, dass Mütter von schulpflichtigen Kindern Zuhause bleiben dürften. Männer und Frauen würden sich den Stress der Familien- und Hausarbeit nur dann wirklich teilen, wenn Männer aufgrund der gleichberechtigten Beschäftigung der Mütter ebenso dazu gezwungen wären. Es gibt tatsächlich viele verschiedene Gründe, warum die Gesellschaft Mütter dazu ermutigen sollte, wieder in eine Vollbeschäftigung einzutreten. Wirtschaftliche Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Vorbereitung auf den Ruhestand und das Entstehen eines weiblichen Vorbildes, insbesondere für die Töchter zum Beispiel. Familien mit zwei Einkommen sind außerdem besser auf Krisen und mit den Jahren steigende Unterhaltskosten für die Kinder vorbereitet.

 

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Für Experten in der Thematik „Working Moms“ wie Professor Josef Zweimüller gibt es allerdings nur einen möglichen Ansatzpunkt für die Gleichstellung: „Erst wenn Väter als Betreuungspersonen für die Kinder – übrigens auch von den Müttern – als vollkommen gleichberechtigt angesehen werden, kann sich auch die Situation der Mütter verbessern. Denn nur wenn die Pflichten der Eltern gleich sind, sind es auch die Gehaltsschecks.“

Mittlerweile gibt es noch auf der ganzen Welt signifikante Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Dass es diesbezüglich Hoffnung auf Verbesserung gibt, zeigt uns ausgerechnet Island. Dort ist die Einkommensdifferenz zwischen Müttern und Vätern weltweit am geringsten. Und dort
nehmen weltweit die meisten Väter Elternurlaub. Das ist kein Zufall, sondern Rezept für eine notwendige Veränderung.