Starke Frauen: Maria Reiche – die Retterin der Nasca-Linien

Nasca Kolibri
Kolibri ©pixabay/monikawl999
In ihrer Heimat Deutschland völlig unbekannt, machte sich die gebürtige Dresdnerin Maria Reiche in den 1940er und 1950er Jahren in Peru fast im Alleingang daran, ein heute weit beachtetes Weltkulturerbe zur erforschen und vor der Zerstörung zu schützen: die berühmten Nasca-Linien.

Sie wurden vor etwa 1.500 Jahren in die peruanische Wüste gescharrt und stellen gigantische, eigentlich nur aus der Luft erkennbare Abbilder von Menschen und Tieren dar. Maria Reiche, die bis zu ihrem Lebensende in einer kleinen Hütte in der Nähe der Nasca-Linien wohnte, starb 1989 hochdekoriert. Heute ist eine Straße in Dresden-Klotzsche nach ihr benannt und die TU Dresden fördert mit einem gleichnamigen Programm Nachwuchswissenschaftlerinnen. Bühne auf und Applaus für:

Maria Reiche

 

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Hexe und Agentin

Als Einheimische in den 1950er Jahren in der staubtrockenen und bis zu 40 Grad heißen Nasca-Wüste in Peru immer wieder auf eine „gringa“, eine Weiße, stießen, die dort ohne jegliche Begleitung anstrengende Expeditionen unternahm, war klar, dass das nur eine „bruja“, eine Hexe, sein konnte. Dabei konnten sie nicht ahnen, dass es genau diese seltsame Frau war, die dabei war, eine ihrer größten kulturellen Hinterlassenschaften zu kartographieren und somit für die Nachwelt zu bewahren. Maria Reiche war zu diesem Zeitpunkt bereits weit über 40 Jahre alt und stieß mit ihren schon fast obsessiven Nachforschungen mehrheitlich auf völliges Unverständnis.
In ihren späteren Jahren, inzwischen weltweit bekannt, erinnerte sie sich: „Die Einheimischen hielten mich entweder für einen Spion oder völlig verrückt. Einmal bedrohte mich ein Betrunkener mit einem Stein, also nahm ich meinen Sextanten heraus und richtete ihn auf ihn. Er lief schreiend davon und am nächsten Tag druckten die Lokalzeitungen die Geschichte einer wahnsinnig gewordenen und bewaffneten deutschen Agentin.“

 

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Der Ruf zu einer Lebensaufgabe

Tatsächlich war Maria Reiche 1903 als eins von drei Kindern eines Amtsgerichtsrates geboren worden. Früh fiel das wissbegierige Mädchen auf, das in Dresden zunächst Mathematik, Physik und Geographie an der Technischen Hochschule in Dresden studierte, um dann nach Abschluss ihres Staatsexamens 1932 eine Stelle als Hauslehrerin des deutschen Konsuls in Cusco, Peru anzunehmen. Doch noch bevor der Vertrag erfüllt war, kündigte die 30-Jährige und zog in die Hautstadt nach Lima, um dort von Sprachunterricht und Gelegenheitsjobs zu leben.
Einer davon war, im Nationalmuseum historische Materialien zu restaurieren. Und genau dort kam es 1930 zu einer schicksalhaften Begegnung. Der amerikanische Forscher Paul Kosok von der New Yorker Long-Island-University beauftragte sie mit einigen Nachforschungen und erzählte ihr erstmals von den Nasca-Linien, die nur einige Jahre vorher – 1924 – entdeckt worden waren. Maria Reiche spürte sofort den Ruf einer Lebensaufgabe und machte auf eigene Faust weiter, als Kosok 1946 wieder in die USA zurückgekehrt war.

Fotos von wagemutigem Überflug machen Maria Reiche weltbekannt

Die Hobby-Forscherin verlegte ihren Wohnsitz in eine spartanische Hütte am Rande der Pampa Colorada und begann in bis zu 13-stündigen Expeditionen, die seltsamen Scharrbilder zu erforschen. Innerhalb von zehn Jahren vermaß sie dabei über 150 Quadratkilometer zu Fuß, ohne zunächst auch nur zu wissen, um was es sich bei den offensichtlich geometrisch verlaufenden Linien handeln könnte. Zwar nahm sie eine astronomische Funktion an, bei der die Linien als ein gigantischer Sonnenkalender fungierten, doch erst 1955 konnte sie das eigentliche Ausmaß und den Sinn ihrer Entdeckungen in voller Pracht begutachten.
Maria Reiche hatte einen Helikopter-Piloten überredet, die staubtrockene und völlig menschenleere Einöde mit ihr an Bord zu überfliegen. Vorher hatte sie eine zwar technisch hochmoderne, aber ebenso schwere Kamera an der Unterseite des Hubschraubers befestigt und, um diese ordentlich bedienen zu können, sich selber mit Stricken an den Kufen festgezurrt. Es sollte sich lohnen, denn die Fotos, die sie machte, gingen um die Welt.

Die Nasca-Linien

Denn was sich aus großer Höhe für die wagemutige Deutsche offenbarte, war ein Kulturdenkmal gigantischen Ausmaßes. Die Linien, die Indios in den Boden der Nazca-Wüste geschabt hatten, zeigten spektakuläre Darstellungen eines Affen mit wunderlichem Spiralschwanz, eines Kondors oder eines Wals. Es war ein Pelikan zu sehen, ein Kolibri, seltsam geformte Menschengestalten mit Eulengesichtern sowie unzählige Bilder von Blumen und anderen Pflanzen. Insgesamt sah Maria Reiche 18 verschiedene Tier- und Menschendarstellungen und dazwischen eine Fülle von geraden, zum Teil kilometerlangen Linien, bei denen es keine unmittelbare Erklärung dafür gab, warum sie angelegt worden waren. Die Nasca, Indios, die hier etwa bis zum Jahr 600 lebten, hatten den teilweise nur daumentiefen „Wüstenlack“, eine tiefbraune, feine Geröllschicht weggescharrt, bis der hellere und feste Untergrund frei lag. Und weil der Standort einer der trockensten und windstillsten Flecken der Erde ist, blieben sie bis in unsere Tage bestehen.

Landebahnen für Außerirdische?

Maria Reiche, die nun zur anerkannten und gefeierten Kuratorin der mysteriösen Nasca-Linien wurde, war überzeugt davon, dass es sich bei den Gebilden um eine Art astronomischen Kalender handeln musste. An ihnen sollten sich günstige Zeitpunkte für die Zyklen des Ackerbaus ablesen lassen. Ideen, für die sie allerdings wenig Zustimmung bekam. Die Linien seien kunstvolle Gräben zur Bewässerung sagten die einen und der Schweizer Schriftsteller Erich von Däniken wurde 1968 sogar mit der Behauptung berühmt, es handele sich um einstige Landebahnen für Außerirdische. Bis heute gibt es keine wirkliche Erklärung für dieser gigantischen Geoglyphen. Doch auch ohne belastbare wissenschaftliche Theorie mussten die Nasca-Linien beschützt werden.

Und genau dieser Aufgabe widmete Maria Reiche die folgenden Jahrzehnte. Und niemand hätte sich eine effektivere und engagierte Beschützerin wünschen können. In den Fünfzigerjahren sollte für ein großes Bewässerungs-Projekt das gesamte Gebiet geflutet werden. Die Geoglyphen wären wohl für immer verloren gewesen. Maria Reiche verhinderte das fast im Alleingang. Später kümmerte sie sich persönlich um Finanzierungen und heuerte auf eigene Faust Wachen an. Gleichzeitig vermaß und kartographierte sie fast täglich „ihre Linien“, bis ihre kleine und äußerst spartanische Hütte vor Dokumenten fast überquoll. Das Refugium ist heute ein Museum, in dem eine Maria-Reiche-Puppe über ihren Karten sitzt.

 

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Späte Ehren

Als hochbetagte 95-Jährige starb die mittlerweile peruanische Staatsbürgerin 1998 an Eierstock-Krebs. 1983 hatte man ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen und in Peru zwei Orden und fünf Ehrendoktortitel. Nur drei Jahre vor ihrem Tod wurden die Nasca-Linien, die längst zu einer populären Touristenattraktion geworden waren, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. In Peru war die Dankbarkeit für den mutigen und unermüdlichen Einsatz von Maria Reiche sogar so groß, dass der damalige peruanische Präsident Alberto K. Fujimori vorschlug, die Nasca-Linien in Reiche-Linien umzubenennen. Auch in ihrer Heimatstadt Dresden erinnerte man sich an die berühmte Tochter der Stadt und wählte sie in den Kreis der 100 wichtigsten Dresdner des 20. Jahrhunderts. 2005 wurde in Dresden-Klotzsche eine Straße nach Maria Reiche benannt und in der TU Dresden gibt es seit 2011 eine Fördermaßnahme namens „Maria Reiche Programm“.

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