Die Versuchung – ein gefährlich-schöner Reiz

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©istockphoto/KatarzynaBialasiewicz

Sie begleitet den Menschen, seit er sich aus dem Tierreich erhoben hat – die Versuchung. Jede Religion der Welt kennt die Gefahren, in die sie uns bringt nur allzu genau. Es scheint unser menschliches Erbe zu sein, dass uns zu Sklaven unserer Leidenschaften macht. Sex, Macht, Geld und Süssigkeiten – wie friedvoll, sicher und gesund könnte die Welt ohne all diese Versuchungen sein? Sehr. Aber wohl auch ein bisschen öde und ohne Lust und Ekstase.

Menschen, die der Versuchung widerstehen, verschieben nur ihre Kapitulation auf morgen.

Charles Maurice de Talleyrand (1754 – 1838)
französischer Bischof, Staatsmann und Außenminister

Wenn wir unseren Alltag betrachten, dann sind wir eigentlich ständig in Gefahr irgendeiner Versuchung zu erliegen. Hier umschmeichelt uns ein Kompliment, dort lockt ein verführerischer Blick. Wir sehen ein besonders schönes und viel zu teures Kleidungsstück oder uns steigt der Duft eines Essens in die Nase.

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Kannst Du widerstehen? ©pixabay/Free-Photos

Jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum höchsten Genuss und gleichzeitig bis zum vielleicht größten Schlamassel. Der Geist war willig zu widerstehen, aber das Fleisch schwach. So heißt es schon im Matthäus-Evangelium der Bibel. Nach dem deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel kann es ohne Versuchung allerdings nichts Gutes auf der Welt geben. Und so lohnt es sich diesem gefährlich-schönen Reiz etwas näher auf den Leib zu rücken.

Die Versuchung – ein ewiger Begleiter

Betrachtet man sich die heutigen Definitionen des Wortes Versuchung, dann ist damit der Anreiz oder aber auch die Verführung zu einer Handlung gemeint, die auf der einen Seite sehr reizvoll erscheint, jedoch andererseits auch unnütz und gefährlich ist. Darüber hinaus kann sie auch gängigen sozialen Normen widersprechen oder schlicht und ergreifend verboten sein. Und genau das löst am Ende Schuldgefühle und Reue aus.

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Lass Dich verführen! ©pixabay/dbreen

Angesichts der langen Geschichte der Versuchung, die so alt ist wie unsere Kulturgeschichte, muss es damit allerdings noch deutlich mehr auf sich haben. Wer der Versuchung auf den Grund gehen will, der fängt am Besten bei der Religion an. In der vorchristlichen Welt waren die Götter vielleicht besonders mächtig, weise oder mit anderen Talenten gesegnet. Aber in ihrem Charakter waren sie genauso schwach, wie die Menschen selbst und so auch den vielfältigen Versuchungen erlegen. Es wurde auf dem Olymp oder in Walhalla geschlemmt, verschwendet, gelogen und betrogen. Der Schaden folgte meist auf dem Fuß, doch die Reue war nur das Vorspiel für die nächste Verfehlung.
Die sogenannten Versuchungen waren eben das Salz in der Suppe, auch wenn das Leben sich deshalb komplizierter gestaltete oder gar verkürzte. Den wohl ersten erfolgreichen Kampf gegen die Versuchungen des irdischen Lebens führte der Legende nach Buddha etwa 600 Jahre vor Christus. Auf seinem Weg zum ultimativen Verständnis der Welt – seiner Erleuchtung – wurde er von Mara, dem Dämon des Bösen attackiert. Durch furchtbaren Horden sollte Buddha verführt werden, seiner Angst zu erliegen, durch nackte Frauen seiner Lust und durch alle Reichtümer dieser Welt seiner Gier. Der schon bald Erleuchtete widerstand und weist damit bis heute Millionen Menschen den Weg zu einem sittlichen Leben.

Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben wir uns.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)
deutscher Dichter und Schriftsteller

Ein paar Jahrhunderte später zeigte sich auch Jesus Christus stark im Kampf gegen die Versuchungen. Allerdings widerstand er dabei nicht etwa den Reizen der Frauen, sondern verzichtete in seinem 40 Tage dauerndem Kampf in der Wüste gegen den Satan auf drei ganz andere Versuchungen: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Er verwandelte den Stein nicht in Brot, er stürzte sich nicht von den Mauern Jerusalems, um den Gläubigen seine Unsterblichkeit zu beweisen und er verzichtete auf die ihm angebotene Macht über die ganze Welt.

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Der große Sündenfall ©pixabay/pcdazero

Die zehn Gebote, welche immer noch der Leitfaden eines guten, christlichen Lebens sind, formulieren dagegen zwei Regeln, die sich mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau beschäftigen. Der von Eva gepflückte Apfel vom Baum der Erkenntnis und die darauf folgende Vertreibung gilt als der große Sündenfall und letztlich als DAS Symbol der Versuchung des Menschen durch das Böse.

Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.

Oscar Wilde (1854–1900)
irischer Dramatiker und Schriftsteller

Der Sündenfall war ein Grund, warum sich vor allem die katholische Kirche überaus eifrig gegen alle körperlichen Genüsse aussprach. Doch die strengen Verbote und drakonischen Strafen ließen im Geheimen die Früchte um so süßer erscheinen. Sinnlichkeit und Sehnsucht nach Ekstase waren in vielen Schriften dieser Zeit zentrales Thema. In der Renaissance lockerte sich die religiöse Strenge, der menschliche Körper konnte in Gemälden und Statuen wieder nackt dargestellt werden.

Die drei Grazien, Raffael, ca. 1503-1505; Öl auf Holz
„Die drei Grazien“ ca. 1503-1505; Öl auf Holz von Raffael

Und gleichzeitig wuchs das Bedürfnis nach verschiedensten Genüssen. Den entscheidenden Schub erfuhr die Erotik und sexuelle Freizügigkeit allerdings nach der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Während die niederen Klassen weiterhin zur Keuchheit angehalten wurden, trieben es die oberen Zehntausend nach Lust und Laune und gaben jeder Versuchung nach. In den langsam in Mode kommenden Romanen (z.B. „Gefährliche Liebschaften“ von François Choderlos de Laclos) wurden sämtliche Spielarten der körperlichen Liebe beschrieben. Nur 100 Jahre später lockten die Damen des viktorianischen Zeitalters ganz ungeniert mit schwarzen Dessous und Korsagen.

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Schwarze Dessous & Corsagen – auch heute noch ein Symbol für Verführung und Erotik ©pixabay/StockSnap

Das wilde Leben des irischen Dramatikers Oscar Wilde sorgte in London zwar für Skandale, seine Bonmots über die Süße der Versuchung wurden dennoch sprichwörtlich.

Pfeffer und Schokolade – eine etwas andere Versuchung

Noch bevor der Kakao im 17. Jahrhundert nach Europa kam und Milka 300 Jahre später von der „zartesten Versuchung, seit es Schokolade gibt“ schwärmen konnte, erlagen die Europäer einer anderen aromatischen Versuchung. Die fünf großen exotischen Gewürze – Muskatnuss, Nelken, Zimt, Ingwer und Pfeffer – regierten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert den Welthandel und waren wegen ihres Duftes und Geschmacks außergewöhnlich begehrt. Der Hauch des Übernatürlichen, der den Gewürzen anhaftete, machte sie zu Verkörperungen des sinnlichem Luxus und der Extravaganz. Vor allem Kirchenführer und Moralisten kritisierten die Leidenschaft für diese scharfen Versuchungen. Auch weil durch sie zu viel kostbares Silber nach dem unchristlichen Indien abfloß.

Der Versuchung widerstehen – ein kleiner Tipp

In unserer heutigen Zeit gibt es kaum noch Verbote oder Tabus, die uns davon abhalten, der Versuchung zu widerstehen. Sie lauert gefährlich-schön an jeder Ecke. Trotzdem wissen wir natürlich: Zu viel Süßigkeiten machen dick, zu viel Liebschaften bringen Ärger und zu viel Medienkonsum macht träge und traurig.

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Die Versuchung lauert gefährlich-schön an jeder Ecke! ©istockphoto/llhedgehogll

Ein guter Ratgeber in Sachen Widerstand gegen die Versuchung ist der antike Held Odysseus. Er wollte einmal dem unwiderstehlichen Gesang der Sirenen lauschen. Um diese Verlockungen allerdings überleben zu können, ließ er sich an den Mast seines Schiffes binden. Auf den Genuss und die Ekstase verzichtete er nicht. Aber er hat auch nicht seiner Willenskraft vertraut, sondern nur den Seilen, die ihn festhielten. In der heutigen Sprache heißt das dann wohl gutes Selbstmanagement.

Wenn wir der Versuchung widerstehen, dann gewöhnlich deshalb, weil die Versuchung schwach ist und nicht, weil wir stark sind.

François de La Rochefoucauld (1613 – 1680)
französischer Offizier, Diplomat und Schriftsteller

 

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