Der Liebesbrief – ein Aphrodisiakum vergangener Jahrhunderte?

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©pixabay/Anhangsgebilde
„Das freimütigste und schamloseste Produkt des menschlichen Geistes und Herzens ist ein Liebesbrief“, schrieb Mark Twain in der Einleitung zu seiner Autobiographie. Und tatsächlich: solange Menschen schreiben können, haben sie versucht im Schutze höchster Intimität ihre Gedanken und Gefühle dem Liebespartner auf einem Blatt Papier mitzuteilen.

Heute wird dieses Feld von Kurznachrichten, Chats und Emojis bestimmt und die Kunst einen Liebesbrief zu schreiben, droht mehr und mehr verloren zu gehen. Kann die handgeschriebene Liebesbotschaft von den Automatismen der digitalen Instant-Kommunikation tatsächlich ersetzt werden? Das ist der Versuch einer Ehrenrettung.

Ein Duft, eine Locke und Sand vom Meer

Bis weit in die 1990er Jahre waren es vor allem Briefe, die man schrieb, wenn man etwas Besonderes übermitteln wollte. Ein kostbares Briefpapier, ein Duft, eine beigelegte Locke oder Sand vom Meer waren ganz persönliche Spuren des Absenders und bauten eine außergewöhnliche Spannung auf, weil es natürlich lange dauern würde, bis diese Offenbarung die erhoffte Antwort erhält. Doch diese Welt scheint in den vergangenen 20 Jahren mehr und mehr dem Untergang geweiht. Längst kommunizieren junge Liebespaare über Facebook, Twitter und WhatsApp. Jeder ist jederzeit erreichbar und auf ein „Du bist das Einzige für mich“ wird zügig mit einer sofortigen Replik gerechnet, zumal auch kaum zu verbergen ist, ob und wann der oder die EmpfängerIn die sehnsüchtigen Zeilen gelesen hat.

Die Kunst einen Liebesbrief zu schreiben, droht mehr und mehr verloren zu gehen
Die Kunst einen Liebesbrief zu schreiben, droht mehr und mehr verloren zu gehen. ©pixabay/Bru-nO

Doch ist ein „LuvU“ und eine Message wie „Ich hab heute mit aller M8 an dich ged8“ versehen mit einigen einschlägigen Emojis weniger romantisch als ein kleiner Notizzettel, verschämt überreicht auf dem nur steht „Ich bin verliebt in dich“? Oder waren nicht auch viele der klassischen Liebesbriefe der vergangenen drei Jahrhunderte ermüdend formelhaft und beharrten darauf, die oder den Geliebten auf eine höhere Ebene des Seins zu heben?

Romantik, Sehnsucht und Zuneigung

Dazu lohnt natürlich ein Blick in die Geschichte des Liebesbriefes. Und dabei ist zunächst ganz interessant, dass 1952 mit dem Mark One einer der ersten Computer der Welt nicht gebaut worden war, um Zahlen zu knacken, sondern um Liebesbriefe zu schreiben. Eine Kunst, die auch den versierten Schriftstellern vor allem vor dem 20. Jahrhundert immer wieder ein Einkommen sicherte. Denn wohl formulierte Worte öffneten – so wie heute übrigens immer noch – gerade die Herzen der Frauen. Und einen Liebesbrief zu verfassen, war eine Kunstfertigkeit, die längst nicht jeder beherrschte.

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Der Liebesbrief als Kunstfertigkeit, die längst nicht jeder beherrschte. ©istock/InaSchnrock

Dabei hat der Liebesbrief eine lange und reiche Geschichte. Während aus der Zeit vor dem 15. Jahrhundert kaum Exemplare erhalten sind und sich Liebesbekundungen nur in religiösen Werken oder Aufzeichnungen von Historikern oder Philosophen finden, entwickelte sich der Liebesbrief ab der frühen Renaissance und den Zeiten der Aufklärung zu einer eigenen literarischen Form. Zunächst waren die Sätze noch von der keuschen Bewunderung und übersteigerten Sprache des Mittelalters geprägt. Doch spätestens seit dem 18. Jahrhundert mischten sich Zärtlichkeit, Charme und sogar Humor in die Zeilen. Auf der Suche nach Selbsterkenntnis und Glück entwickelte sich der Liebesbrief weit über eine Bekundung von Romantik, Sehnsucht und Zuneigung hinaus. Vielmehr wurde er zu einer Folie für Selbstreflexion und Einsicht auch in das tägliche Leben. Beethoven schrieb Briefe an seine „unsterbliche Geliebte“ und fügte damit seinem Leben und seiner Musik eine weitere Dimension hinzu. Und die frivolen Botschaften Napoleon Bonapartes an Joséphine de Beauharnais schienen die Grenzen zwischen Zeit, Raum und Politik zu überschreiten. Selbst eine kleine Notiz, die Marlon Brando 1966 auf einem Flug einer Stewardess hinterließ, erinnert noch an diese große Tradition. Der Schauspieler schrieb: „Es war eine kurze und sehr angenehme Begegnung und ich wünsche Ihnen nicht nur alles Gute, sondern hoffe auch dass wir bald mal wieder die Gelegenheit haben, uns tief in die Augen zu sehen.“ Mit solchen „Süßigkeiten“ ließe sich wohl auch heute noch das Herz einer Frau oder eines Mannes entzünden.

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„Das freimütigste und schamloseste Produkt des menschlichen Geistes und Herzens ist ein Liebesbrief“ Mark Twain ©pixabay/zora-chan

Valentin – ein Märtyrer der Liebe

Ein ganz eigenes Kapitel in der Geschichte der Liebesbriefe hat sicherlich der Valentinstag geschrieben. Weil ein Priester namens Valentin im dritten Jahrhundert nach Christus junge Liebende auch gegen das Gebot des römischen Kaisers Claudius verheiratete, wurde er ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt. Der Legende nach soll er der Tochter des Kerkermeisters, die ihn in der Zelle besuchte, einen leidenschaftlichen Gruß geschickt und diesen mit „von deinem Valentin“ unterschrieben haben. Papst Gelasius erhob den Schwärmer 498 zum Märtyrer und schenkte ihm mit dem 14. Februar einen Heiligentag. Britische Romantiker begannen dieses Datum ab dem 17. Jahrhundert als Tag der Liebe zu zelebrieren und begründeten die bis heute anhaltende Tradition, sich einander handschriftliche Notizen oder kleine Liebesbeweise zu schicken.

Von küssenden Smileys und Kopfnicker-GIF`s

Doch schon industriell gefertigte Grußpostkarten machten aus dem romantischen Vergnügen ab dem 19. Jahrhundert eine kommerzielle Angelegenheit. Die Arbeit von Briefschreibern übernahmen nun immer häufiger vorgefertigte Muster von Liebesbriefen und gedruckte Botschaften.

Liebesbriefe werden von küssenden Smileys und Kopfnicker-GIF`s abgelöst
Der Liebesbrief wird von küssenden Smileys und GIF`s abgelöst. ©pixabay/johnhain

Eine Entwicklung, die sich durch die Explosion der digitalen Kommunikation in den vergangenen zwei Jahrzehnten noch verstärkt hat. Die mühsame Federkunst ist heute längst von küssenden Smileys, GIF-gestützten Kopfnickern oder von auf Symbole und Abkürzungen reduzierten Tweeds abgelöst worden. Dabei erliegt heute natürlich fast jeder der Versuchung, schnell und ohne große Umwege über Ozeane und Kontinente kommunizieren zu können. Und eine online geschriebene Liebesnachricht ist nicht weniger emotional und authentisch wie eine Notiz oder ein Brief.

Geht die Liebesbotschaft in der flachen Landschaft der digitalen Kommunikation verloren?

Und dennoch kann die handgeschriebene Liebesbotschaft, das literarische Aphrodisiakum der letzten zwei Jahrhunderte, mit seinen persönlichen und kraftvollen Ausdrücken der Romantik, von der digitalen Welt nicht wirklich repliziert werden. Denn der Akt des Schreibens eines wirklichen Briefes verleiht der Kommunikation eine Ebene der Einzigartigkeit, ein Gefühl von Raum und Zeit, welches bei der Umwandlung in die vergleichbar flache Landschaft der digitalen Kommunikation verlorengeht. Das Schreiben von Hand zwingt uns, methodisch und sorgfältig zu denken. Will man das Herz einer Person wirklich erobern, sollte man ihr bedeutungsvolle Aufmerksamkeit schenken. Und es ist genau das, was man tut, wenn eine Notiz handschriftlich verfasst wird. Ein besonderes Briefpapier wählen, den Umschlag vorbereiten und einen Stempel aufbringen, braucht Zeit. Und genau diese Verlangsamung vermag es, die volle Konzentration auf den Empfänger zu richten.

Handgeschriebener Brief contra Instant-Kommunikation

Die Schönheit eines Liebesbriefes liegt ja im leidenschaftlichen und bewussten Wunsch, dass die zärtliche Botschaft vom Empfänger richtig verstanden wird. Und das Schreiben von Hand verlangsamt uns und macht das Verfassen eines Liebesbriefes zu einem Akt des Komponierens, des Nachdenkens und des virtuellen Austausches mit dem Empfänger oder der Empfängerin. Heute werden diese physischen und ästhetischen Insignien, die den Liebesbrief so wirkmächtig machen, von einer Armee an Messaging-Apps, vorgefertigten Postkarten oder im Internet angebotenen Schreibmustern verdrängt. Doch ein echter Brief enthält ein Maß an Intimität, Authentizität und wahrer Romantik, die eine moderne Instant-Kommunikation niemals leisten könnte.

Das Zimmer zerfiel und die Nacht zerfiel und die Welt zerfiel und deine Lippen …

Erich Maria Remarque an Marlene Dietrich

 

Du faszinierst und inspirierst mich immer noch. Du machst aus mir einen besseren Menschen. Du bist das Objekt meiner Begierde und der Nummer Eins-Grund meiner irdischen Existenz.

Johnny Cash an June Carter zu ihrem 65. Geburtstag

 

Ich fühle es sehr wohl, wenn wir uns streiten, dann sollte ich mein Herz anklagen, mein eigenes Gewissen. Du hast sie verführt, sie sind immer auf Deiner Seite.

Napoleon Bonaparte an Joséphine de Beauharnais

 

Mein Augenstern, Du weißt, was ich Dir gerne gäbe, heute und ein Leben lang. Läge es in meinen Händen, besäßest Du es schon.

Frida Kahlo an Diego Rivera

 

Liebste, ich habe gestern Abend bemerkt, dass ich nichts lieber sehe in der Welt als Ihre Augen und dass ich nicht lieber sein mag als bei Ihnen. Es ist schon was Altes, und doch fällt mir’s immer einmal wieder auf.

Johann Wolfgang von Goethe an Charlotte von Stein

 

Meine blinden Augen warten verzweifelt auf deinen Anblick. Du begreifst natürlich nicht, wie faszinierend schön du immer gewesen bist, und wie du zusätzliche und besondere und gefährliche Anmut hinzugewonnen hast.

Richard Burton an Elisabeth Taylor

freier Journalist für die Berliner Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung und das Sunny-Dessous Magazin

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