Beatrice Dömeland: Profi-Volleyball ist für die Frauen heute ein steiniger Weg

Volleyball-Spielerin
©istock/novifoto
Beatrice "Micki" Dömeland kam 1998 als Spielerin zum DSC und kümmert sich seit ihrem Karriereende als Inhaberin einer Agentur um das Marketing "ihrer Schmetterlinge". Sie war damit in der einen wie der anderen Rolle als Einzige an allen Erfolgen des Vereins der vergangenen 20 Jahre beteiligt und kennt den DSC so gut wie kaum jemand anderes.

Wir von SUNNY DESSOUS haben uns mit ihr darüber unterhalten, wie sich der Frauen-Volleyball in den vergangenen 30 Jahren verändert hat, warum Dresden eine neue Volleyball-Halle braucht und wie sie zu ihrem seltsamen Spitznamen kam.

SUNNY: Hallo Micki, darf man dich als Fremder so nennen?

Micki:
Eigentlich nennen mich so nur Menschen, die mich ein bisschen besser kennen. Bei denen lege ich dann allerdings auch Wert drauf. Mein Vorname Beatrice war mir schon als Kind zu streng. Auf dem bestehe ich heute nur, wenn ich professionelle Distanz bewahren möchte. Also lass uns sehen, wie wir es während des Interviews halten. Bis zur ersten Meinungsverschiedenheit für dich also zunächst gerne Micki (lacht).

SUNNY: Abgemacht. Erste Frage dazu: Wie kommst Du zu diesem Spitznamen?

Micki:
Mein zwei Jahre älterer Bruder hat mir den als Baby gegeben. Ich hatte wohl so große Ohren und da fühlte er sich beim Blick in die Wiege an Mickey Mouse erinnert. Den Spitznamen bin ich nie wieder losgeworden. Ich fand es ehrlich gesagt nicht so schlimm, denn Beatrice hört sich immer so zackig an. Über meinen Verein und die Nationalmannschaft hat sich das dann über die Presse überall herumgesprochen. Und nun ist es quasi mein Künstlername geworden. Mein Bruder ist bis heute stolz darauf.

Beatrice Dömeland und Mareen von Römer
Mareen von Römer und Beatrice Dömeland © Dresdner Sportclub 1898 e. V.

SUNNY: Trotz dieses lustigen Namens hast Du im deutschen Damen-Volleyball eine beispiellose Karriere hingelegt und bist seit 2006 auch mit den handfesten Business-Realitäten des Sports konfrontiert. Der DSC hatte Ende 2018 keine so rosige Geschäftsbilanz und du bist deswegen über einen Weihnachtsbrief nochmal an die Sponsoren herangetreten. Wie haben die reagiert?

Micki:
So etwas ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Unser Finanzgerüst steht momentan auf zwei Stützen. Zum einen sind da die mittlerweile über 150 Partner und Sponsoren und zum anderen die zahlenden Zuschauer bei den Heimspielen. Und bei Letzteren kamen 2018 ein paar ungünstige Faktoren zusammen. Wir hatten eine gang, ganz lange Sommerpause durch die internationalen Wettbewerbe der Nationalmannschaften und erst im November unser erstes Heimspiel. Der Spielbetrieb ging damit einen Monat später los als normal. Und dann gab es zweimal Pech bei den Pokalauslosungen.
Im nationalen Pokal haben wir gleich unseren Erzrivalen Allianz MTV Stuttgart auch noch auswärts getroffen und sind ausgeschieden. Und im Europapokal ging es in der ersten Runde gleich gegen den Tabellenführer der in Europa dominierenden italienischen Liga, Busto Arsizio. Auch dort kam das frühe Aus. Da fehlen jetzt einfach die Gelder aus einigen, meist sogar ausverkauften Heimspielen.

SUNNY: Und dann geht der DSC sofort in die roten Zahlen?

Micki:
Rote Zahlen sind das ja noch nicht. Immerhin sprechen wir hier von der laufenden Saison. Und weil wir ordentlich betriebswirtschaftlich arbeiten, haben wir das Loch natürlich früh gesehen und deshalb einen Weihnachtsbrief an die Sponsoren herausgeschickt mit der Bitte zu helfen, weil wir in der Saison 2018/2019 aus genannten Gründen nicht auf die angestrebten Einnahmen kommen werden. Das ist normal, das machen wir eben entweder zu Weihnachten oder am Ende einer Saison. Wir haben also keine roten Zahlen, sind aber jedes Jahr mal mehr oder weniger auf Extra-Hilfe angewiesen.

SUNNY: Nun müssen ja auch Volleyball-Vereine ein langfristiges sportliches und wirtschaftliches Ziel formulieren, um eine entsprechende Mannschaft aufbauen zu können. Ist der DSC aufgrund des doch irgendwie ständigen Zweikampfes mit Allianz MTV Stuttgart nicht auch irgendwo in der Zwickmühle, diesen Status jedes Jahr bestätigen zu müssen?

Micki:
Na ja, die Zwickmühle ist, dass es in Dresden viele populäre Sportarten gibt. Aber wir haben uns in den vergangenen zehn Jahren unseren Status Schritt für Schritt erarbeitet. Wir sind erfolgreicher als Dynamo, haben jahrelang Champions League gespielt und sind mittlerweile eine Marke. Deutsche Meisterschaften (1999, 2007, 2014, 2015) und Pokalsiege (1999, 2002, 2010, 2016, 2018) in den vergangenen Jahren haben uns natürlich ins Bewusstsein der Menschen hier gebracht. Nichtsdestotrotz ist Volleyball eine Randsportart. Und so ist neben der sportlichen Leistung auch das finanzielle Ziel jedes Jahr nur mit größten Anstrengungen zu erreichen. Dazu haben wir hier in Dresden nicht gerade ideale Bedingungen.

SUNNY: Wie sähen die denn aus?

Micki:
Indem wir endlich eine größere Halle bekommen. Unser Vorstandvorsitzender Dr. Jörg Dittrich kämpft jedes Jahr mit der Stadt darum. Ganz einfach, weil wir jedes Jahr gerade in den Meisterschafts-Playoffs und den späteren Runden in Pokal und Europapokal mit 3.000 Zuschauern immer ausverkauft sind, bei mehr Kapazität wären wahrscheinlich aber eher 5.000 dagewesen. Auch den uns sehr wichtigen Partnern und Sponsoren würden wir gerne andere Räumlichkeiten bei den Heimspielen anbieten können. Insgesamt würde uns eine neue Halle deutlich größeres Entwicklungspotential geben.

SUNNY: Und eine deutlich größere Gefahr, zu schnell zu wachsen?

Micki:
Nein, zu schnell zu wachsen ist eher kein Problem. Wo du aufpassen musst, und das geht momentan glaub ich jedem Unternehmen so, ist, dass es immer schwerer wird, alles im Tagesgeschäft unterzubringen. Die Kosten steigen, die Spielergehälter steigen – und, und, und. Das heißt: Mehr Arbeit, aber weniger Geld. Da krankt es ganz schön. Uns geht es allen gut, aber wir müssen auch aufpassen, in welches Fahrwasser wir uns da begeben. Und welchen Preis wir dafür bezahlen. Auch gesundheitlich und mental. Es wird schnell aufwändiger und mehr, aber der Fortschritt ist dann oftmals nicht zu sehen. In der Beziehung wäre es auch ganz schön, wenn wir eine Personalie mehr im Management hätten. Aber in Wirklichkeit will natürlich jeder im Verein – inklusive mir selbst – dass sich unser Trainer Alexander Waibl noch eine zusätzliche Spielerin leisten kann.

SUNNY: Du bist noch DDR sozialisiert. Hast Kindheit und Jugend in Magdeburg verbracht und bist dann vor der Wende auf die Sportschule nach Berlin. Wie hat sich denn das Damen-Volleyball in den vergangenen Dekaden deiner Meinung nach entwickelt?

Micki:
Die Rahmenbedingungen waren im DDR-Leistungssport natürlich ganz andere. Da wurdest du in jederlei Hinsicht unterstützt auch finanziell. Es gab genug Ausrüstung, genug Trainer, es gab im Hintergrund Schulen, Ärzte, Physiotherapeuten etc. Auch die berufliche Weiterentwicklung für die Zeit nach dem Leistungssport wurde ganz gezielt gefördert. Es gibt heute noch ein paar Sportschulen, aber flächendeckend ist das natürlich längst nicht mehr dasselbe. Das sehe ich jetzt bei meinen eigenen Kindern. Wenn die in einer Randsportart – wie es Volleyball nun mal ist – gut werden wollen, müssen das, was früher die Sportschulen geleistet haben, heute die Eltern selbst machen. Shuttle zahlen, Zeit opfern, Taxi spielen. Das ist ein harter, schwerer Weg.

Und wenn man es dann geschafft hat in den Erstliga-Spielbetrieb, schaut keiner mehr danach, inwieweit du dich für das Leben nach dem aktiven Sport vorbereitest. Die Mädels haben heute einen vollen Tag. Mit Vermarktung, Sponsorenterminen, Öffentlichkeitsarbeit. Das frisst Zeit und die ist dann nicht mehr da, wenn es darum geht, ein bisschen die Weichen für das spätere Leben zu stellen. Das macht mir beim heutigen Leistungssport Sorge. Da steht jede Spielerin ein bisschen allein da und muss für sich allein ihren Weg finden.

SUNNY: Verdient man sich als Volleyballerin nicht auch ein bisschen Ruhm und wenigstens als Nationalspielerin auch ein ordentliches Gehalt?

Micki:
Selbst für die Spiele der Nationalmannschaft gibt es kein Geld. Mit Volleyball wird man in Deutschland nicht reich. Das vorhandene Geld frisst alles der Fußball. Deshalb habe ich mich auch so für die Handballer gefreut. Als unsere Volleyball-Männer 2017 das EM Endspiel erreichten, wurde das noch nicht mal im Fernsehen übertragen. Da frag ich mich wirklich: Muss man denn immer auf Olympia warten, um mal ein paar andere Sportarten zu sehen? Sport ist heute Geld und wer es nicht verdient, findet quasi nicht statt. Darüber sollten sich die Öffentlich- Rechtlichen Fernsehsender schon mal Gedanken machen. Immerhin haben sie keinen kommerziellen sondern einen gesellschaftlichen Auftrag.

SUNNY: Du weißt ja wovon du sprichst, immerhin hast Du selbst eine erfolgreiche Karriere als Spielerin vorzuweisen. Kannst Du uns die in zwei, drei Sätzen zusammenfassen?

Micki:
Klar. Mit zehn hab ich in Magdeburg im Verein begonnen zu spielen. Dann bin ich mit 14 nach Berlin auf die KJS zum TSC Berlin. Als die Wende kam, war ich 17 und 1991 bin ich zum CJD Berlin gegangen, habe dort 1. Bundesliga gespielt und innerhalb von vier Jahren zwei Deutsche Meisterschaften, vier Pokalsiege und den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. Dann bin ich zum Erzrivalen nach Schwerin, bin zwei Jahre dort geblieben und dann hat mich die damalige Kapitänin des DSC, Peggy Küttner, die ich von der Sportschule in Berlin kannte, nach Dresden gelockt. Und nun bin ich also seit 1998 hier.

SUNNY: Bist du als Magdeburgerin sachsifiziert worden?

Micki:
Ja, irgendwie hängengeblieben (lacht). Ich habe mich hier eigentlich von Anfang an wohlgefühlt, eine Familie gegründet und als es 2004 mit der Karriere Zu Ende ging, hat mich der damalige Präsident des DSC, Wolfgang Söllner, beiseite genommen und mir geraten, mich als studierte Sport- und Tourismusmanagerin mit einer eigenen Agentur selbstständig zu machen, um mich um das Marketing und Sponsoring beim DSC zu kümmern. Damals lag der Etat des DSC bei 700.000 Euro, heute ist er mehr als doppelt so hoch. Der DSC und ich sind also gemeinsam einen recht erfolgreichen Weg zusammen gegangen.

SUNNY: Du sprichst über die Verdopplung des Etats und von einstigen Europokaltriumphen. Warum spielen die deutschen Frauen-Volleyball-Teams heute keine große Rolle mehr, wenn es um die Verteilung der europäischen Titel geht?

Micki:
Es gibt in Ländern wie Italien, Aserbaidschan oder der Türkei einfach ganz andere finanzielle Möglichkeiten. In Polen wird der Volleyball ja sogar staatlich unterstützt. Und in den anderen Ländern gibt es Einzelpersonen oder Unternehmen, die richtig viel Geld in die Hand nehmen, um ihren Verein an die internationale Spitze zu bringen. Ein Club wie Vakifbank Istanbul – gegen den wir 2017 in der Champions League angetreten waren – hat zehnmal mehr Geld als wir. Zu uns kommen viele Spielerinnen, um uns als Sprungbrett zu nutzen, was auch völlig okay ist. Dann spielen sie hier Champions League, dort werden sie dann gesehen und dann weggelockt mit teilweise fünfmal so hohen Gehältern.

SUNNY: Hast Du selbst jemals ein solches Angebot bekommen? Du bist ja schon früh gelobt worden als „größtes deutsches Stellertalent“.

Micki:
Ja, zu meiner Schweriner Zeit. Aus Ravenna in Italien. Ich habe ja auch zehn Jahre Nationalmannschaft gespielt. Da ging es schon früh los, dass du gesehen wurdest. Damals gab es die wirklich interessanten Angebote aus Italien und Brasilien. Letzteres war für uns als Ossis viel zu weit weg. Undenkbar. Italien war damals das Volleyball-Traumland. Aber dann habe ich mich gefragt: Wie verstehe ich die Menschen dort? Bekomme ich wirklich auch pünktlich mein Geld? Wo und wie werde ich wohnen? Mir geht es da eher wie der Katharina Schwabe oder auch der Mareen von Römer. Denen ist ihr privates Umfeld sehr wichtig. Sie wollen sich eher rundum wohlfühlen, als unbedingt mehr Geld verdienen.

SUNNY: Du sprichst von deinen Nachfolgerinnen. Und auch die werden irgendwann ihre Karriere beenden. Dann braucht der DSC neue Stars. Woher werden die kommen? Aus Dresden?

Micki:
Da sprichst du die Nachwuchsarbeit des DSC an. Daran liegt mir und den anderen engagierten MitarbeiterInnen beim DSC tatsächlich sehr viel. Dort geht auch jedes Jahr ein nicht unerheblicher Teil des Etats hin. Mit der AOK Plus haben wir einen sehr engagierten Partner und Sponsor, der uns seit vielen Jahren sehr nachhaltig unterstützt. Vor sieben Jahren wurde durch diese Zusammenarbeit die AOK Schultour ins Leben gerufen. Dabei werden auf 45 Grundschulen im Raum Dresden Sichtungen vorgenommen. Die besten Spielerinnen werden dann in einem Camp an einem Wochenende nochmal zusammengeführt. Und dort werden die zehn Besten gewählt, die dann jedes Jahr das jüngste Team des DSC, die U12, stellen. Das ist wirklich eine tolle Geschichte und hat sich bei der DSC Nachwuchsarbeit fest etabliert.

SUNNY: Micki, wir danken Dir für das Gespräch.
 


 

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