Tschüss Size-Zero

Kurvenreich weibliche Modells posiert in einem schönen Kleid
©istockphoto/jacoblund

Es ist lange ruhig gewesen um Sarina Nowak, seit die 15-jährige 2009 als Stubenküken bei Germany’s Next Topmodel auftrat, und jung wie unbekümmert und unbedarft Sechste der Castingshow wurde. So kann man durchstarten im Modelgeschäft, zumal die junge Blondine alles mitbrachte, was es für den Lauftsteg braucht: helles Lachen, volle Lippen, langes blondes Haar – und Gardemaße: 90-60-90. Trotzdem wurde aus der Karriere nichts. Die Pubertät ging zu Ende, die Figur wollte noch wachsen, Nowak konnte ihre Konfektionsgröße 34 nur mit Mühe halten. „Ich hatte strikte Ernährungspläne“, erzählte sie neulich. „Bevor ich zu Foto-Jobs gegangen bin, habe ich nichts gegessen, nicht getrunken, damit ich um Gottes willen kein Bäuchlein habe. Das war eine schlimme Zeit, ich habe viel geweint.“

Aus und vorbei! Nowak kam erst die Lust am Alltag abhanden, dann die Karriere – und irgendwann auch die Konfektionsgröße, was ihr altes Leben aber so radikal auf den Kopf stellte, dass die Lebenslust zurückkehrte und die Karriere wieder anzog. Nur die 34 ist Geschichte. Aber genau deshalb ist Sarina Nowak plötzlich wieder im Geschäft. Weil aus der 34 eine 42 wurde. Deutscher Durchschnitt also, Plus-Size aber in der Modewelt. Und Plus Size geht gerade richtig gut.

Nowak ist das jüngste bekannte Modelgesicht in der Catwalk-Riege angeblich übergewichtiger Models, die gerade die Durchschnittskennziffern von Frauen weltweit auf die Laufstege bringen. Sanduhr-Figuren sind zwar immer noch das Maß aller Designer-Dinge in der Modewelt, aber nicht mehr nur allein. Frauen wie die US-Amerikanerinnen Ashley Graham, Candice Huffine, Paloma Elsesser, Tess Holliday, die Französin Clémentine Desseaux oder das deutsche Plus-size-Model Angelina Kirsch, bekannt aus der Let’s Dance-Staffel von 2017, sind nicht weniger bekannt, beliebt und Vorbilder vieler Frauen, die keine 34 haben, sondern Maße wie Nowak sie mittlerweile hat: 97-76-109. Praller Po, runde Hüften – aber genauso sinnlich und sexy wie die Kolleginnen mit den kleineren Maßen.

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Normalgrößen im Trend

Schönheit ist bekanntlich keine Frage von Zahlen, sondern Perspektiven und Augen. Und normal, wenn es denn schon sein muss, sind keine Laufsteg-Ziffern, sondern solche wie diese hier. Im Durchschnitt nämlich ist eine deutsche Frau 1.65 Meter groß. Sie hat eine 44 und Cup-Größe 80 C.

Viele Jahrzehnte lang hat niemand in der Modebranche auf diese Diskrepanz zwischen Model-Silhouetten und Normalgrößen Rücksicht genommen. In der Folge standen nicht wenige Frauen vor ihren Spiegeln, und die flüsterten zurück: zu rund, zu dick, nicht perfekt. Doch das muss nicht mehr sein. Plus size ist das neue Normal in vielen Bereichen der Bekleidungsindustrie bis hinauf auf die Laufstegbretter, auf denen die Trends gemacht werden. Ashley Graham etwa lief erstmals Februar 2016 in ihrer Dessous-Kollektion des Plus-Size-Unterwäschehändlers Additionel Elle auf der New Yorker Fashion Week. Ein Jahr später wurde sie von Designer Michael Kors für den Topevent der Modebranche in der Metropole am Hudson River gebucht.

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Zu rund, zu dick, nicht perfekt – die Diskrepanz zwischen Model-Silhouetten und Normalgrößen ist in der Modebranche erschreckend groß ©Pexels Lizenz: CC0 1.0 Public Domain

Auch die Lifestyle-Magazine haben das Thema für sich entdeckt. Sports Illustrated setzte Graham 2015 auf das Cover seiner famose Bademoden-Ausgabe, die Swimsuit Issue. Das People-Magazin zog nach und machte mit Tess Holliday auf der Titelseite auf, um zu zeigen, dass Schönheit keine Idealform kennt. Holliday wiegt 117 Kilo.

Im selben Magazin freilich beschwerte sich Holliday im März 2017, dass Plus Size zwar hoffähiger geworden sei, kurvige Frauen aber immer noch stigmatisiert würden. „Ich habe das Gefühl, immer noch nichts wert zu sein“, klagte sie, „bloß, weil ich in einem größeren Körper zu Hause bin. Das ermüdet mich!“ Ist der Trend also doch nur eine Blase gewesen? Eine Branchenkennerin, die aufgrund der Brisanz des Themas ihren Namen verschwieg, sagte unlängst dem Newsportal Business Insider: „Ich glaube, Plus Size wird nur ein kurzer Trend sein. Es ist die reinste Freak Show. Der Hype wird abklingen.“

Ob das so stimmt, gehört zu einer Reihe von Fragen, die hier im Folgenden für euch beantwortet werden.

Ab wann ist man eigentlich Plus Size?

Der Begriff Plus Size (Übergröße, große Größe, auch Oversize) ist eine Art Nebenprodukt, das bei den Konfektionierung von Modenschauen anfällt. Die Bekleidungsindustrie brachte in der Vergangenheit eigentlich nur Kleidung bis Größe 36 auf den Laufsteg. Alles, was darüber lag, wurde als Plus Size bezeichnet. Aktuell ist man mit Plus Size also völlig und ganz normal. Model-Agenturen berichten, dass die meisten ihrer gebuchten Models eine 44 haben. Die gleiche Größe hat nämlich auch das Zielpublikum, weshalb vor allem Bademoden- und Dessous-Hersteller gern auf die Plus Size Models zurückgreifen. Die Chefin einer deutschen Agentur für kurvige Mannequins umschreibt die Gardemaße so: „Unsere Models sollte zwischen 1,74 Meter und 1,80 Meter groß sein, schöne Haare haben und gute Zähne. Sie sollten Sport machen und gesund aussehen. Vor allem müssen die Proportionen zwischen Hüfte und Taille stimmen.“ Eine bestimmte Körbchengröße gibt es hingegen nicht.“

Wie irreführend der Begriff übrigens sein kann, zeigte sich kürzlich bei der US-Komikerin Amy Schumer. Die wurde von einem Magazin in eine Riege „inspirierender Plus Size Frauen“ gestellt. Ich?, reagierte Schumer irritiert, Plus Size? „Ich trage zwischen 6 und 8.“ Der amerikanischen 6 und 8 entsprechen in Deutschland XS und S.

Wie ging es los mit Plus Size?

Große Größen sind ein Fashion-Thema, seit es Kleidungsstücke von der Stange gibt. Die, die sie trugen und die, die sie auf den Shows zeigten, blieben aber lange marginalisiert von einer Industrie, die sich früh schon auf den Idealtypus spezialisierte, um ihr Können zu zeigen. Vor allem die Spitzendesigner wollten ihre Entwürfe am perfekten Frauenkörper repräsentieren. Trotzdem gab es immer schon Marken, wie Agenturen, die sich auf das Thema Übergrößen spezialisiert hatten. Auf dem US-amerikanischen Markt war das die Marke Lane Bryant und die Agency Plus Models. In den 1980iger Jahren war es Max Mara auf den Alten Kontinent, die mit Marina Rinaldi eine hochwertige Kollektion für Übergrößen auf den Markt brachte. Doch erst das Internet hob das weitgehend unterdrückte Thema in die Öffentlichkeit. Viele Plus Size Bloggerinnen wurden zu Stars der Szene wie etwa Georgina in England (cupcakesclothes) oder Mia in Deutschland (infatstyle), Sakina in Frankreich (Saks in the City), CeCe in den USA (Plus Size Princess). Durch Models wie Emme, Ashley Graham oder Candice Huffine wurde Plus Size auf Catwalk-tauglich. Mittlerweile gehören die Shows für große Größen auf jede gute Fashionveranstaltung. Auch das Fernsehen hat das Thema für sich entdeckt, wie sich im deutschen TV mit der Castingshow Curvy Supermodel – echt. schön. kurvig. mit dem deutschen Model Angelina Kirsch zeigt.

#takemeback to #paradise

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Wer sind die Stars der Szene?

Die aktuell bestbezahlte Plus Size Frau der Modeindustrie ist Ashley Graham. Die US-Amerikanerin läuft mittlerweile auf der New Yorker Fashion Week und vor allem schon zwei sinnliche Dessous-Kollektionen mit auf den Markt gebracht. Sie verhalf der Lingerie von Additional Elle zu Popularität und entwarf für die Marke Simply Be ihre eigene Weihnachts-Linie. Sie war das erste Plus Size Model auf dem Cover der Swimsuit-Issue von Sports Illustrated.

Weitere Stars sind Grahams Landsfrau Candice Huffine, das erste Plus Size Model im Pirelli-Kalender, Shootingstar Barbie Ferreira, die Britin Chloe Marshall, die es als erste Frau mit Größe 42 in den Endausscheid zur „Miss England“ schaffte, die Kanadierin Justin LeGoult, die 2013 vom Magazin Elle aufs Cover gesetzt wurde, Tara Lynn, die die Übergrößen-Kollektion für H&M modelte, oder eben hierzulande Angelina Kirsch, das Kampagnengesicht für Adler, Ulla Popken, Bonprix, Zalando oder H&M.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr in der jüngeren Vergangenheit vor allem das ehemalige „Mager“-Model Chrystal Renn. Die US-Amerikanerin litt viele Jahre unter dem Size-Zero-Vorstellungen der Designer und litt an Magersucht, die sie u. a. mit Hilfe ihres Buches „Hungry“ überwand. Heute hat Renn Größe 42 und ist ein gefragtes Plus Size Model.

Gibt es männliche Plus Size Models?

Die gibt es. Aber nicht immer wird man mit dem Terminus Plus Size fündig werden. In der Männerabteilung der Modebranche hat man Übergröße in Muskelkraft verwandelt. So nennt die Agentur IMG Models ihre männliche Mannequin-Sparte „brawn“, was so viel bedeutet wie Muskeln, Muckis, Muskelkraft. Eines der bekanntesten Gesichter gehört Zach Miko, New Yorker, 1,98 Meter groß, 107 Zentimeter Bauchumfang, Schuhgröße 48. Und der Deutsche Steven Martin.

Wie geht die Dessous-Branche mit dem Thema Plus Size um?

Erfreulicherweise viel entspannter als die Designer-Industrie, die noch immer an ihre Size-Zero-Vorstellungen festhält und den Kunden-Marken das Thema Übergröße weitgehend überlässt.Übergrößen sind in der Unterwäsche-Branche hingegen völlige Normalität.

So präsentieren die meisten Plus Size Models vorwiegend Lingerie wie etwa Graham, ihre Landsfrau Denise Bidot, die auf der New Yorker Fashionweek Entwürfe der Tennisspielerin Serena Williams präsentierte oder Myla Dalbesio, die der aktuellen Kampagne von PrimaDonna Körper und Gesicht lieh.

Die Marke Rosa Faia der deutschen Übergröße-Spezialisten von Anita hat es mit einem gewitzten Wortspiel geschafft hat, den Trend- und Sinneswandel im Bereich der Plus-Size-Dessous zu veranschaulichen. Beautyful verwandelte das deutsche Label in „Beautyfull“ und lancierte eine Kollektion, bei der man lediglich an der Größe der Lingerie erkennen kann, dass es sich um Artikel für große Größen handelt. Nicht aber am Design, der Verarbeitung, der verwendeten Materialien und der Zuneigung, mit der die BHs, Höschen, Strümpfe, Strumpfhalter oder Korsagen entworfen wurden. Auch die Kollektionen Champs Elysees und Hedona des französischen Labels Chantelle widmen sich mit Hingabe und Kunstfertigkeit den Großen Größen, so wie auch die Marken Felina und Triumph. Allen Plus-Size-Dessous fehlt es an nichts, was auch die Reizwäsche für schmalere Frauen auszeichnet. Das Material ist exquisit, die Verarbeitung exzellent, das Design verführerisch und reizvoll. Und an Tragekomfort mangelt es auch nicht. Schließlich sind Frauen mit großen Größen ja keine Ausnahme, sondern Normalität.

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