Steampunk – zwischen viktorianischer Ästhetik und Cyberpunk

Steampunk Girl Detailbild
©istock/KrisCole
Wenn sich jedes Jahr in Leipzig zu Pfingsten Tausende Menschen aus der ganzen Welt für das Wave-Gotik-Treffen in ihre Kostüme werfen, dann sind zwischen Vampir-Ladies, Grufties und viktorianisch gekleideten Paaren auch immer mehr sogenannte Steampunks zu sehen. Ihr oft zitiertes Markenzeichen sind einfallsreiche Uhren-, Zahnrad- und Zylinder-Konstruktionen, die mit komplizierten Retro-Designs der viktorianischen Mode kombiniert werden.

Doch hinter dieser Fashion- und Design-Bewegung verbirgt sich weit mehr. Und wer sich jetzt zu Recht fragt: „Steam, was?“, der sollte diesen Artikel lesen, denn wir von SUNNY DESSOUS erklären hier alles, was du über Steampunk wissen musst.

Was ist Steampunk und woher kommt der seltsame Name?

Steampunk ist wohl einer der bekanntesten neuen Trends, von dem jeder schon mal irgendwas gehört hat, aber keiner wirklich weiß, was sich dahinter verbirgt. Kurz zusammengefasst könnte man sagen, dass hiermit eine Subkultur gemeint ist, bei der es um die Kombination einer Vergangenheit (Viktorianisches Zeitalter, England im 19.Jahrhundert) und einer damals spekulierten Zukunft geht. Retro-Futurismus wird sowas gern auch genannt.

Die Steampunk-Bewegung umfasst allerdings nicht nur Mode und Technik, sondern auch Musik, Literatur, Filme, Comics und Modellbau und hat es damit in den späten 2000er Jahren in die Mainstream-Popkultur geschafft. Der Begriff „Steampunk“ selbst hat seinen Ursprung in Science-Fiction-Romanen. Der amerikanische Autor Kevin Jeter, der unter anderem auch Fortsetzungsromane zu Philip K. Dick’s Blade Runner und für das Star Wars Universum geschrieben hat, soll 1987 in einer Fachzeitschrift den Begriff „Steam-Punks“ vorgeschlagen haben. Vor allem um Autoren zu beschreiben, die eine spekulative Fiktion beschreiben, die hauptsächlich in der viktorianischen Ära spielt und die sich damit klar von der sogenannten Cyberpunk-Zukunft des Kultautors William Gibson unterscheiden.

Steam-Punk setzt sich aus den Worten „Steam“ (deutsch: „Dampf“) und „Punk“ zusammen. Dabei bezieht sich dieser Begriff auf die Technologie des Dampfmaschinen-Zeitalters. Hier spielt Elektrizität und Computer-Technologie noch eine untergeordnete Rolle. Es soll eben der Eindruck vermittelt werden, dass Technik-Zukunft auch mit den Materialien und Antriebsmöglichkeiten des 19. Jahrhunderts möglich ist. Das Wort Punk steht hier für eine Gruppe von Outlaws, die sich durch eine postapokalyptische Welt schlagen.

Mittlerweile ist aus der ursprünglich rein fiktiven Idee vor allem ein visueller Stil erwachsen. Und dabei geht es vor allem darum, Altes mit Neuem zu vermischen: moderne (oder eher industrielle) Technologie mit der Designästhetik und Philosophie des viktorianischen Zeitalters. Steampunk in seinem besten Sinne ist die Möglichkeit, der persönlichen Mode oder Technologie einen Gothic-Look zu verleihen. Ein topmoderner Computer sieht auf einmal aus wie eine alte Schreibmaschine, das iPhone-Dock wie ein vorsintflutlicher Empfänger aus Holz und Messing. Aber im tiefsten Sinne ist Steampunk ein bunter Protest gegen den unerbittlichen Fortschritt der Technologie.

Und es ist ein Trend, der sich mittlerweile in viele verschiedene Bereiche unseres Alltagslebens eingeschlichen hat: von Mode über Film und Innen-Design bis hin zu Videospielen. High Tech Victoriana findet sich so schon in Disneys Jules-Verne-Verfilmungen „In 80 Tagen um die Welt“ und „20.000 Meilen unter dem Meer“ aus den 1950er und 1960er Jahren und heute in Filmen wie „Alice im Wunderland“ von Tim Burton, „Hellboy 2 – die Goldene Armee“ oder „Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten“, mit Robert Downey Jr und Jude Law. Steampunk-Einflüsse können auch in Videospielen wie Dishonored und Bioshock Infinite gefunden werden. Der Steampunk-Stil hat mittlerweile sogar Einzug in die Musikvideos von Top-Acts wie David Guetta oder Justin Bieber gehalten. Und das ist wahrscheinlich nicht das, was die Steampunk-Enthusiasten in den späten Neunzigern mal erwartet hatten, aber eben das Schicksal jeder einstmals coolen Subkultur.

Steampunk Girl
©istock/KrisCole

Das ist Steampunk-Mode

Das, womit man die Steampunk-Mode vor allem verbindet, sind Zylinder, auf denen sich irgendwelche retro-futuristischen Brillen mit Zahnrädern und extra-Okularen befinden. Frauen tragen Korsetts mit viel Spitze und Männer Vintage-Rüstungen mit viel Leder und Schnallen aus Bronze und Messing. Doch Steampunk-Kostüme gehören heute in Wirklichkeit zu den komplexesten und einfallsreichsten, die man auf Fan-Conventions sehen kann. Dabei ist der Retro-Tech-Stil bei weitem nicht nur auf die Viktorianische Mode beschränkt. Stile können überall in der riesigen Verkleidungskiste des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entnommen werden. Kombiniert wird das Ganze häufig mit den Klamotten aus dystopischen Science-Fiction-Filmen, die postapokalyptische Gesellschaften zeigen, in denen sich die Protagonisten mit kaputter oder nachgerüsteter Technik begnügen müssen. Genannt seien hier: Blade Runner, Matrix, Tank Girl und Mad Max. Unabhängig von der Epoche, die sie bevorzugen, haben Steampunks ein gemeinsames Interesse: Sie alle setzen auf Retro-Look-Technologie, machen die Kleidung am liebsten selbst und wollen sich so eine Romantik bewahren, die sich vor allem auf dem Glauben an ein stabiles und zeitloses Leben gründet.

Neben Fetisch und Glamour haben die Steampunks vor allem die Liebe zu altmodischen Materialien wiederbelebt: Messing und Kupfer, Holz, Glas, mechanische Bearbeitungen, kunstvolle Gravuren. Alles wird nach Lust und Laune recycelt, repariert, überarbeitet und Richtung „Unvollkommenheit“ perfektioniert. Steampunk-Produkte, von Couchtischen bis hin zu Uhren können heute in einer unglaublichen Bandbreite in Online-Shops gekauft werden. Und der Look beeinflusst sogar die Street Fashion. Steampunk-Kleidung fügt den heutigen Streetstyles die besten Elemente der Kleidung von Entdeckern, Erfindern, Soldaten, Prostituierten, von Gräfinnen und Herzogen hinzu.

Der Steampunk-Künstler als Erfinder, Ingenieur und Wissenschaftler

Die meisten Anhänger und Trendsetter der Steampunk-Bewegung sind auch Teilerfinder, Teilingenieure und teilweise exzentrische Wissenschaftler. Viele beschreiben sich selbst als Gadgettees oder Tüftler. Und die allermeisten entwerfen und nähen auch ihre Kleidung selbst. Dabei hat die Steampunk-Kunst eine sehr altmodische Erscheinung. Denn die Verwendung von Materialien wie Metall und Holz soll den Objekten die Aura des Dauerhaften verleihen. Kunststoff, Plastik und andere Materialien der Moderne gelten als billig und Symbole der Wegwerf-Gesellschaft. Und so setzen die Hobby-Modedesigner und -Ingenieure auf Metalle wie Kupfer, Messing, Stahl und Eisen, Nieten, Zahnräder, Glas, Leder oder antike Glühbirnen. Zum Einsatz kommen außerdem traditionelle Werkzeuge wie Zirkel, Winkelmesser, Lineale, Zeichendreiecke und Scheren. Einige dieser Künstler haben Designs entworfen, die alltägliche Geräte in Gadgets verwandeln, die gleichzeitig antiquiert und High-Tech wirken. Als Beispiel sei hier die Computer-Tastatur genannt, die wie eine aus der frühesten Schreibmaschinen-Generation aussieht.

Steamtop - Computer im Steampunk-Design
Jake von Slatt, Steamtop, CC BY-SA 2.0

Dieselpunk, Elfpunk, Biopunk

Wie andere Subkulturen hat auch Steam-Punk mittlerweile Dutzende von Unter-Kategorien geschaffen. Es gibt den Wüstenpunk, bei dem die Protagonisten ihre Steampunk-Kleidung auf genau diese Lebensbedingungen abstimmen. Oder Nahtpunk, bei dem Männer und Frauen den Eindruck vermitteln, Stoffpuppen zu sein, die aus verschiedenen Versatzstücken zusammengenäht sind. Beim Elfpunk geht es um Elfen-Look und beim Biopunk um eine vorgestellte Zukunft, in der genetische Veränderungen zu einem normalisierten Teil der Gesellschaft werden würden. Beim Cyberpunk verschmolz die avantgardistische Kultur der Gegenwart – insbesondere das modernen Tokio – mit den dunklen Möglichkeiten einer Zukunft, die von Cybertechnologie durchdrungen war.

Doch unter all diesen Spezialrichtungen nimmt der sogenannte Dieselpunk eine einzigartige Position ein. Während zum Beispiel beim Atompunk die retro-futuristische Verarbeitung der Science-Fiction-freundlichen Ära der 1950er Jahre im Vordergrund steht, bezieht sich der Dieselpunk auf die Jahre zwischen 1910 und 1940. Wenn die Visitenkarte von Steampunk ein schillerndes Spektakel aus Blech-, Uhrwerk- und Erdtönen ist, dann mischen sich beim Dieselpunk Stahl und Chrom mit dem Schmutz und dem Grunzen moderner Kriegsmaschinen, der Nostalgie des unironischen Patriotismus und einem Hauch von Elend und existenzieller Angst vor dem Modernismus. Dieselpunk ist dreckiger, düsterer und kantiger als Steampunk. Bei diesen Kostümierungen kommen Gasmasken ebenfalls zum Einsatz, wie eine Vielzahl von Uniformen und Waffen. Flammenwerfer, Handfeuerwaffen, Schrotflinten, und Maschinengewehre spielen hier ebenso eine Rolle wie künstlich verschmutzte und gespenstisch anmutende Armee- und Marine- Uniformen.

Bei all diesen Richtungen geht es den Praktizierenden um eine Sache: Es wird versucht, sich eine möglichst vollständige Welt vorzustellen und deren Stil dann durchgängig zu halten. Wir dürfen gespannt sein, welche neuen Mode-Universen innerhalb dieser Galaxie als nächstes geboren werden.

freier Journalist für die Berliner Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung und das Sunny-Dessous Magazin

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