Korsett & Corsage: Sanfte Umarmung oder Käfighaltung?

Frau in verführerischer Corsage
©istock/g-stockstudio
Das Korsett ist eines der am meisten missverstandenen Kleidungsstücke der Modegeschichte. Die einen Frauen schwärmen davon und sagen, es wäre so, als würde einen jemand den ganzen Tag sanft festhalten und umarmen. Die anderen vergleichen es mit Käfighaltung und als Instrument der Unterdrückung der Frau.

Fakt ist, seit Bondage und SM, Gothik-Mode und erotische Rollenspiele ihren Weg in den Modemainstream gefunden haben, sind auch Miederwaren, Korsetts und Corsagen wieder voll angesagt. CarlMarie macht einen kleinen Ausflug in die Geschichte dieses zeitlosen Fashion-Klassikers.

Für die Gegner dieses Textils ist das Korsett ein leichtes Ziel. Ist es erst einmal vom verführerischen Frauenkörper getrennt, wirkt seine steife Struktur und der fast schon erbarmungslos wirkende Stahlfeder-Rahmen verdächtig wie ein mittelalterliches Foltergerät: Das Korsett ist grob, aber bei der Verfolgung seiner Ziele effektiv. Dabei sind Korsetts und Corsagen nicht nur dazu da, den weiblichen Körper zu (ver-)formen und als Element in der erotischen Verführung zu dienen, sondern waren immer auch Unterstützer der weiblichen Anatomie. Denn Korsetts stützten gerade bei Frauen der niederen Schichten den Rücken. Und das war bei den körperlich harten Arbeiten des 18. und 19. Jahrhunderts überaus hilfreich.

Bondage & Corsage bei erotischen Rollenspielen
Bondage und Corsagen sind bei erotischen Rollenspielen sehr beliebt ©pixabay/CM_Foto

Schon das antike Griechenland kannte Miederwaren

Mit welchem Blick man Korsetts oder Corsagen auch immer betrachten möchte – eines ist sicher: Sie haben eine lange Geschichte. Den weiblichen Körper durch Kleidungsstücke in eine gewünschte Form zu „modellieren“, das kannten schon die antiken Griechen. Die minoischen Frauen der Insel Kreta fixierten ihre Brüste mit einem Band aus weichem Leder, dem Aposdemos. Dabei stand allerdings die tatsächliche Anatomie im Vordergrund, denn zum Objekt wurde der Körper erst im Mittelalter. Dieser musste entweder ganz verdeckt oder gemäß den gesellschaftlichen Idealvorstellungen verändert werden. Zum ersten Mal umhüllten Kleidungsstücke den menschlichen Körper mit Unwirklichkeit und verdeckten dabei sowohl die männlichen als auch die weiblichen Charakteristika.
Das Korsett oder die Corsage diente in dieser Zeit vor allem dazu, um mit nur einem Textil eine durchgehende Linie von der Taille bis zum Hals zu schaffen. Die früheste Form des Korsetts war dabei noch nicht einmal Unterwäsche. Der Name (dem französischen Wort „corps“ für „Körper“ entlehnt) bezeichnete Anfang des 13. Jahrhunderts ein weiches, angepasstes Obermieder, das in der Taille etwas fester geschnürt und über einem Leinenrock getragen wurde. Diese Grundform dient noch heute als Blaupause für alles, was wir unter Korsett, Corsage oder Bustier verstehen.

Von Fetisch-Accessoires bis zu rohen Versuchen in der Orthopädie

Erste bis heute erhaltene Beweise für das Auftauchen von versteiften Korsetts sind die eisernen Korsettkäfige aus dem 16. Jahrhundert. Heute wird von Historikern allerdings davon ausgegangen, dass es sich dabei nicht um wirkliche Kleidungsstücke, sondern wohl eher um erste Fetisch-Stücke und grobe erste Gehversuche der Orthopädie handelt. Überhaupt werden schon im Zeitalter der Aufklärung wilde Auseinandersetzung darüber geführt, ob das Korsett nicht ein Unterdrückungswerkzeug und darüber hinaus im schlimmsten Fall eine Art der Deformation und Zerstörung des natürlichen weiblichen Körpers sei.

Die diese Kritik im Großen und Ganzen ignorierten, waren die Frauen selbst. Tatsächlich gibt es genügend Beweise, dass die meisten Damen (sogar einige der Frauen, die sich für eine Kleiderreform aussprachen) weiterhin glaubten, dass das Tragen von Korsetts wichtig sei, obwohl Männer sie mit satirischen Angriffen wie Artikeln und Gedichten damit verspotteten. Wissenschaftler und Historiker gehen heute davon aus, dass die Frauen des 18. Jahrhunderts zwar von den männlichen Blicken ermuntert wurden Korsetts zu tragen, aber sich im Sinne eines Wettbewerbsvorteils gegenüber den GeschlechtsgenossInnen auch freiwillig dafür entschieden.

Historisches Korsett, 1730-1740
Unknown, Woman’s corset figured silk 1730-1740, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Die enge Schnürung nur eine Legende?

Das, was den allermeisten bei der Erwähnung des Korsetts in den Sinn kommt, entpuppte sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr als eine urbane Legende. Wer kennt sie nicht die Geschichten von den extrem engen Schnürungen, die bei jeder Gelegenheit zur Ohnmacht ihrer Trägerinnen führten und diese deshalb immer kleine Ammoniakfläschchen zur Wiedererweckung bei sich trugen. Anderen Berichten zufolge hätten sich im 19. Jahrhundert Frauen ihre unteren Rippen entfernen lassen, um besser in ihr superenges Korsett zu passen. Und letztlich seien Frauen sogar bei kleinsten Unfällen gestorben, weil sich durch den Druck des Korsetts die Rippen durch die inneren Organe gebohrt hätten. Das älteste und extremste Gerücht um das Korsett ist wahrscheinlich, dass Katerina de Medici, im späten 16. Jahrhundert Königin von Frankreich, nur Hofdamen mit einer Taille von nicht mehr als 50 Zentimetern akzeptierte. Auch Kaiserin Sisi von Österreich soll ihre Taille mittels eines Korsetts auf einen Umfang von 45 Zentimetern zusammengeschnürt haben.

Aber das alles gehört wohl eher in den Bereich der Legendenbildung – denn diese äußerst engen Schnürungen, die eine winzige Taille erzeugen sollten, waren nur in einer wirklich sehr kurzen Periode um das Jahr 1860 in Mode gekommen und selbst die wohl extremste Vertreterin des „modernen Schnürens“, Cathy Jung, schafft es heute nur auf einen Taillenumfang von 52 Zentimetern. Aber die Tatsache, dass es überhaupt mal probiert wurde, inspirierte satirische Zeitungsartikel und Cartoons, und trug letztlich auch dazu bei, dass Korsetts ab dem späten 19. Jahrhundert als „unnatürlich“ und „einengend“ empfunden wurden.

Coco Chanel läutet das Ende ein, Madonna das Comeback

Um die Wende des 20. Jahrhunderts herum spitzten sich diese negativen Einstellungen gegenüber dem Korsett zu. Dies ebnete den Weg für Designer wie Paul Poiret und später Coco Chanel, die lautstark verkündeten, dass sie das Korsett getötet hätten, um Frauen von dem unterdrückenden Kleidungsstück zu „befreien“. Aber dieser angebliche Triumph war kein echter: Frauen tauschten ihre Korsetts lediglich gegen enge Gürtel, die zwar weniger einschränkend wirkten, aber den Körper immer noch so formten, dass er einem bestimmten Körperideal entsprach.
Das Korsett war auf einmal ganz out und Gürtel passten sich an jungenhafte Figuren in den 1920er Jahren, weiche Kurven in den 1930er Jahren, scharfe Konturen in den 1940er Jahren und der Sanduhr-Figur in den 1950er Jahren an. Als der Feminismus in den späten 1960er Jahren das Regiment übernahm, fiel auch dieser in Ungnade. Ab den 1970er Jahren formten dann schon Aerobic, Ernährungshypes und die plastische Chirurgie die perfekte weibliche Körperform.

Madonna bei der MDNA Tour
Madonna © Pascal Mannaerts / www.parcheminsdailleurs.com / CC BY-SA 3.0, Madonna à Nice 29, CC BY-SA 3.0

In dieser ganzen Zeit kann davon ausgegangen werden, dass Korsetts und Corsagen immer für erotische Zwecke getragen wurden. Doch immer darunter und für die Öffentlichkeit nicht sichtbar. Das änderte erst Madonna in den 1980er Jahren, als sie mit ihrem Lieblingsdesigner Jean Paul Gaultier ein Korsett als Top-Kleidungsstück präsentierte und damit international für Schlagzeilen sorgte. Allerdings war ihre Version (mit den berühmten Pyramiden BH) eher eine enge Corsage denn ein wirkliches Korsett. Diese werden auch heute nur noch wirklich selten getragen.

Heiß auf Wave&Gotik-Treffen und zusammengepresst mit Spanx

Und wenn, dann vor allem im Rahmen von erotisch motivierten Rollenspielen. So sieht man aufwändig gefertigte Korsetts und Corsagen jedes Jahr auf dem Leipziger Wave&Gotik-Treffen und im Rahmen der Fetisch-Mode geben sogar eher brave Girls wie Katie Holmes (als Domina in der spanischen Vogue) oder Claudia Schiffer (ebenfalls als Domina in der deutschen Vogue) ihrem inneren Biest mittlerweile ganz ungeniert Zucker.

Wenn es um figurformende Wäsche geht, schwören die Instagram-Stars und auch Hollywood-Schönheiten wie Sienna Miller und Gwynyth Paltrow auf die Teile der amerikanischen Firma Spanx. Diese produziert ohne Stahl- oder Kunststoffgerüst ebenfalls Textilien, die dem weiblichen Körper durch Druck die gewünschte Form geben. Korsett und Corsagen werden auch 700 Jahre nach ihrem Auftauchen die Moden also überdauern. Allerdings eher als erotisches Spielzeug, denn für den praktischen Nutzen. Für die perfekte Sanduhrfigur braucht es heute einfach keine Schnürung mehr.

Dies ist Teil 1 von 3 unserer Beitragsreihe.
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