Die größten Mode-Designer: Karl Lagerfeld – die Sphinx mit dem Gespür für Image und Hype

©Sunny-Dessous
Als der gebürtige Hamburger Karl Lagerfeld im Februar dieses Jahr mit 85 Jahren starb, würdigten ihn die weltweit wichtigsten Zeitungen als letzte große Mode-Ikone und einen der bedeutendsten Fashion-Designer aller Zeiten. Anlass für uns von SUNNY DESSOUS mit einer neuen Serie über die größten Modemacher aller Zeiten zu beginnen.

Den Anfang macht natürlich „Kaiser“ Karl Lagerfeld, der brillant und endlos zitierbar, nicht nur einige der bekanntesten Marken der Branche (Chanel, Fendi) revolutionierte, sondern auch die Richtung der Mode im Allgemeinen. Seine Vision erweiterte die Reichweite der Bekleidungsindustrie vom Einsatz vielfältiger Prominenz, über das Verwenden auffälliger Logos bis hin zur bildenden Kunst. Mit seinem unverwechselbaren Humor, seiner Schlagfertigkeit, seiner unbestrittenen Bildung und letztlich dem eigenen Look, mit Sonnenbrille, weißem Zopf und Katze Choupette hat es Lagerfeld letztlich geschafft, selbst zu einer zeitlosen Ikone der Pop-Kultur zu werden.

Als Karl Lagerfeld schon weit über 70 und längst zur unübersehbaren Symbolfigur der internationalen Modeszene geworden war, erklärte Anna Wintour, die legendäre Chefredakteurin der US-amerikanischen Ausgabe der „Vogue“ gegenüber dem Magazin „New Yorker“ den Ruhm ihres „schwierigen“ Freundes so: „Die Medien widmen spätestens seit den 1980er Jahren der Mode vielmehr Aufmerksamkeit. Und weil Karl so ein außergewöhnlicher und faszinierender Mensch ist und dabei noch überaus talentiert, war das eigentlich ein klarer Weg.“ Dabei war der gebürtige Hamburger eigentlich bereits seit seiner Kindheit eine auffällige Figur. Und revolutionäre, respektlose Mode kreierte er auch schon, als noch kein Mensch einen Fuß auf den Mond gesetzt hatte.

 

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Das späte Kind

Schon die Herkunft des später oftmals als „Modezar“ bezeichneten, gab dem kleinen Otto Karl Lagerfeld seinen später außergewöhnlichen Lebensweg vor. Er war das späte Kinderglück von Otto Lagerfeld, dem damals bereits 52-jährigen Gründer der „Glücksklee-Milch GmbH“, und seiner ebenfalls schon 36-jährigen Frau Elisabeth Bahlmann. Später sollte er sich daran erinnern, dass seine Eltern eigentlich nie Kinder gewollt und sich für ihn deshalb auch nicht sonderlich interessiert hätten. Doch der kleine Karl war es trotzdem gewohnt, von Dienstboten und Hauslehrern umgeben zu sein und kreierte sich schnell eine eigene Gegenwelt. Darin sah er sich nie als Kind, sondern eher als Erwachsenen. Immer wieder verzog er sich allein auf den Dachboden des Elternhauses, richtete sich dort nach und nach ein eigenes Atelier ein. Zu seiner frühen Leidenschaft wurde das Zeichnen, welches Lagerfeld bis zu seinem Tod fast täglich praktizieren sollte.

Rückzug in die Bücherwelt

Eine seiner ersten Inspirationen waren die gesammelten Ausgaben der satirischen Wochenzeitschrift „Simplicissimus“, die ihm einen außergewöhnlich bissigen und zum Teil bizarren Einblick in die Welt außerhalb der norddeutschen Einöde vermittelten. Die Leidenschaft für Bücher und dabei vor allem für die klassische deutsche Literatur behielt Lagerfeld sein Leben lang. Seine private Büchersammlung soll zum Schluss aus über 300.000 Bänden bestanden haben. Wobei selbst ausgewiesene Literatur-Experten immer wieder über Lagerfelds Belesenheit und sein phänomenales Gedächtnis erstaunt waren. So erinnerte sich Marina Krauth, die Geschäftsführerin seiner Lieblings-Buchhandlung „Felix Jud“ in Hamburg nach seinem Tod: „Man konnte sich mit ihm über jegliche Bücher, die er hatte, unterhalten. Er wusste nicht nur, wo sie standen, er wusste auch, was wo in diesen Büchern stand – unglaublich.“

 

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„Ohne meine Mutter wäre ich heute nicht wie ich bin“

DIE Schlüsselfigur und seine wichtigste menschliche Inspirationsquelle war für Karl Lagerfeld mit Sicherheit seine Mutter. Ihre bissige, unnachgiebige Art spornte den außergewöhnlichen Jungen zu Höchstleistungen an. So soll ihr nicht viel am Geschwätz von Kindern gelegen gewesen sein. Wenn Klein Karl trotzdem losquasselte, sagte sie: „Wenn du mit mir reden willst, dann streng dich an, oder sei ruhig. Dein Unfug verdient nicht mehr Zeit, also sprich schneller“. Sein späteres Markenzeichen, das so typische schnelle Sprechen, gewöhnte er sich wohl wegen ihr an. Nach einem Jahr erfolglosem Klavierunterricht schlug sie ihm eines Tages den Piano-Deckel auf die Finger und kommentierte harsch: „Du hast kein Talent. Mal lieber, das macht wenigstens keinen Lärm.“ Trotz der oftmals ätzenden Sprüche bezeichnete Lagerfeld das Verhältnis zu seiner Mutter später als „perfekt für mich“. „Ohne sie wäre ich heute bestimmt nicht, wie ich bin.“

Durch das Tor zur Welt nach Paris

Seine Mutter Elisabeth, die Zeit ihres Lebens nie wirklich gearbeitet hatte, war es schließlich auch, die Karl Lagerfeld in Richtung Frankreich verscheuchte. Hamburg sei wohl das Tor zur Welt, doch eben nur das Tor und die Welt, das wäre eher Paris als Deutschland. Gerade mal volljährig rauschte Karl Lagerfeld – von der Familie finanziell üppig ausgestattet – mit einem Cabrio durch die französische Hauptstadt. Nach drei fast tödlichen Unfällen gab er das Autofahren allerdings mit 30 wieder auf und ließ sich ab da nur noch im Bentley oder Rolls Royce chauffieren. Den beruflichen Lebensweg verlor der junge Dandy trotzdem nicht aus den Augen und machte sich in Paris an seine Umsetzung. Zwei Jahre später gewann er 1954 mit dem Entwurf eines kanariengelben Mantels den ersten Preis des „Wollsekretariats“. Ein junger Franzose namens Yves Saint Laurent gewann ebenfalls in der Kategorie „Cocktailkleid“. Für beide der Auftakt zu einer großen Karriere, in der sie sich auch aus Eifersucht um einen gemeinsamen Liebhaber oftmals als unverbrüderliche Konkurrenten begegnen sollten.

Mutig und tollkühn

Nachdem Karl Lagerfeld einige Jahre für Jean Patou gearbeitet hatte, verließ er 1962 nicht nur den Modedesigner, sondern die sogenannte Haute Couture gleich ganz. Der fast 30-Jährige war müde davon, streng formelle Kleidung für ein reiches Clientel zu erschaffen. Seine Entscheidung, freiberuflich tätiger Designer zu werden und nebenbei Kunst zu studieren, wurde als mutig und sogar tollkühn angesehen. Doch Lagerfeld hatte nur verstanden, dass sich die Modewelt vor einem Umbruch befand. Und deshalb war es nun wichtig, sein eigenes Ding zu machen und nicht in einem alten Modehaus zu versauern. Neben Chloé fügte der junge deutsche Designer 1965 auch das in Rom ansässige italienische Modehaus Fendi zur Liste seiner Kunden hinzu. Lagerfeld arbeitete eng mit den Fendi-Schwestern zusammen und trug dazu bei, die italienische Marke mit einem Fokus auf Luxuspelze weltweit bekannt zu machen.

 

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Lebenslanger Vertrag bei Chanel

Lagerfelds Kreativität, seine Entschlussstärke und der fast schon preußische Arbeits-Ethos machten ihn in den folgenden Jahren zu einer festen Größe in der Modewelt. 1983 dann der große Coup: Der Norddeutsche wurde vom ehrwürdigen Modehaus Chanel zum Art Director berufen. Zehn Jahre vorher war Gründerin Coco Chanel gestorben und die Marke hatte einen erstklassigen Absturz erlebt. Schon waren die Grabreden vorbereitet, aber noch gab es Lagerfeld. Die Familie Wertheimer, der Chanel damals gehörte, gab Lagerfeld einen Freifahrtsschein für alle Entscheidungen und der machte davon reichlich Gebrauch. Allerdings ohne das Lebenswerk von Coco Chanel unnötig zu beschädigen. Seine Genialität lag mehr darin, deren Stil unmerklich zu manipulieren. Chanel-Jacken und und -röcke wurden gekürzt, so dass die protzig glitzernden Knöpfe und Accessoires besser zum Vorschein kamen. Und immer deutlicher waren die ineinander verschränkten „C“ zu sehen, die nun zum Status-Symbol einer hedonistischen Jugend wurden.

Legendäre Catwalk-Sets mit Pornostars und Supermodels

Lagerfeld konnte nun die Talente ausspielen, die ihn von allen anderen Fashion-Designern seiner Zeit unterschieden. Ein tiefes Verständnis von Mode hatten auch andere wie Valentini, Versace oder zuallererst natürlich Yves Saint Laurent. Doch keiner verstand so gut wie Karl Lagerfeld, um seine Mode einen ganzen Kontext zu gestalten und dabei vor allem auch mit Image und Hype zu spielen. Lagerfelds Catwalk-Sets wurden nicht nur legendär, sondern auch in der Welt außerhalb der Modeblase diskutiert. Das Engagement von Pornostars wie Moana Pozzi für den Laufsteg sorgte für Aufsehen erregende Kontroversen. Und Lagerfelds Ausstrahlung in die Pop-Kultur war so stark, dass seine bevorzugten Models (die er Musen nannte) selbst zu Stars wurden. In den 1980er Jahren war es die Pariser Stilikone Inès de la Fressange, dann Claudia Schiffer und später auch Vanessa Paradis und Cara Delevingne. In den 1980er Jahren kreierte Lagerfeld auch seinen unverwechselbaren persönlichen Stil. In dieser Dekade noch deutlich übergewichtig, zeigte sich der Modestar bald nur noch mit weißem Zopf, schwarzer Sonnenbrille, weißen Handschuhen und einem Fächer.

Lagerfeld überlebt alle Modernisierungen

Während in den späten 1990er Jahren fast alle seiner Kontrahenten um den Modethron von der Zeit überholt wurden, blieb Karl Lagerfeld zeitlos modern. Auch weil er darauf verzichtete, sich allzu ernst zu nehmen und sich auf den alten längst verblichenen Lorbeeren auszuruhen. Vielmehr baute er erfolgreich seine eigene Marke auf, die er als „intellektuell sexy“ beschrieb. Er gründete eine eigene Buchhandlung – 7L – und verwandelte seine Katze – Choupette – in einen Instagram-Promi mit mehr als einer halben Million Followern. Lagerfeld sagte einmal, er würde Choupette heiraten, wenn es legal wäre; und einige vermuten, dass die Katze eine Erbin des auf etwa eine halbe Milliarde Euro schwer geschätzten Erbe des Designers ist.

 

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Der schlanke Karl

Während andere Fashion-Designer es gerade mal auf eine Kollektion im Jahr brachten, lieferte Karl Lagerfeld bis ins hohe Alter mehr als ein Dutzend. Seinen Lebensstil bezeichnete er auf seine unverwechselbare Weise zum Schluss als spartanisch. Nach eigenem Bekunden hätte er „nie gekokst, nie Drogen genommen, nie geraucht und nie getrunken – außer meine 15 Flaschen Cola light täglich“. Im Jahr 2000 machte Lagerfeld im Alter von 67 Jahren nochmal einen kompletten Wandel durch. Nach dem Tod seines Lebenspartner Jacques de Bascher 1989 hatte er ständig an Gewicht zugenommen und bezeichnete sich als einen „Künstler, Modeschöpfer und Fotograf im Körper eines Provinznotars“. Durch eine strenge Diät nahm er innerhalb von nur 13 Monaten 42 Kilo ab und passte nun wieder in die Slim-Jeans seines Lieblings-Designers Ben Slimane. Neben seinen Essgewohnheiten hatte sich Karl Lagerfeld in den letzten fünfzehn Jahren auch von einem Großteil seines Besitzes – so unter anderem von seinem 10-Millionen Dollar-Schloss in Biarritz getrennt. Dazu befragt, stellte er fest: „Ich brauche nicht viel – nur meine 300.000 Bücher. Der größte Luxus ist meine Freiheit und dass ich zweimal am Tag ein neues, frisch gebügeltes Hemd anziehe.“

Humor und Wille bis zum Schluss

Karl Lagerfeld bewahrte sich seinen Intellekt, seinen besonderen Humor und seinen Stilwillen bis zum Schluss. Auf die Frage, was denn von seiner Person und seinem Werk erhalten werden solle, hatte der Außergewöhnliche eine außergewöhnliche Antwort: „Ich bin mein Anfang und mein Ende! Keiner weiß, was ich verdiene. Keiner weiß, was ich habe und ich mache auch kein Testament. Es wird keine Beerdigung geben. Ich werde geheim verbrannt und an einem geheimen Ort verstreut, das war‘s. Ich will nicht unsterblich werden.“

Die Marke Karl Lagerfeld

Die Mode von Karl Lagerfeld lebt weiter, im Modehaus Chanel, wo Lagerfelds rechte Hand Viginie Viard die kreative Leitung übernimmt. Aber auch Lagerfelds eigenes Label wird fortgeführt und bietet moderne, jugendliche Mode stets mit Konterfei oder Signatur Lagerfelds verziert.

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