Die größten Mode-Designer: Coco Chanel – Die Fashion-Revolutionärin mit dem störrischen Charakter

©istock/MaxFrost
In unserer Serie über die größten Mode-Designer und -designerinnen aller Zeiten geht es diesmal um die wahrscheinlich einflussreichste Frau in der Modewelt des 20. Jahrhunderts. Gabrielle Bonheur Chanel wurde 1883 geboren, wuchs in einem Waisenhaus auf, schlug sich als Sängerin durch das Pariser Nachtleben und baute später - schon mit dem weltberühmten Spitznamen „Coco“ ausgestattet – in einer von Männern beherrschten Welt ein eigenes Imperium auf.

Ihr Leben und Schaffen war von Anfang an von Mythen und Legenden umrankt. Sie schuf ein bis heute oft getragenes Cocktail-Kleid, kreierte das erste Designer-Parfum der Welt und befreite die Damenwelt – angeblich – von den Fesseln des Korsetts. Wir von SUNNY DESSOUS machen uns in diesem Text auf die Suche nach jener Frau, die bis heute großen Einfluss darauf hat, wie Frauen aussehen und was sie in den Mode-Boutiquen kaufen.

Obwohl Gabrielle Chanel zeitlebens versuchte, sich und ihrer Herkunft einen zumindest bürgerlichen Anstrich zu geben, ist die Wahrheit, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend bittere Armut kennenlernte. Sie stammte nicht – wie oft von ihr behauptet – aus einer protestantischen Familie aus der Provence und es gab auch keinen edelmütigen und umsorgenden Vater, der ihr den Kosenamen „Coco“ gegeben hätte. In Wirklichkeit war Henri-Albert Chanel ein Trinker und Hausierer, ihre Mutter Eugenie „nur“ Wäscherin. Nachdem diese starb, steckte der Vater die kleine Gabrielle kurzerhand in ein Waisenhaus. Später schlug sich die Tochter aus nicht ganz so feinem Haus als Sängerin durch die legendären Pariser Nachtklubs in Vichy. Ihre Lieblingssongs waren „Ko Ko Ri Ko“ und „Qui qu’a vu Coco“ – es sind genau diese Silben, die betrunkene Matrosen und Soldaten ihr nach den Shows auf der Straße hinterherriefen.

„Ich beende, was wir zusammen begonnen haben“

Coco Chanel 1920
Gabrielle „Coco“ Chanel, 1920 © Time / Getty, Coco Chanel, 1920, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

In diesen frühen Jahren arbeitet Coco Chanel als Putzerin und Näherin, wußte aber auch schon, wie sie reiche und einflussreiche Männer für sich in Stellung bringen konnte. Die burschikose Schönheit mit den kurzen Haaren ließ sich gern einladen, zum Beispiel vom englischen Polospieler Arthur „Boy“ Capel. Die beiden trafen sich 1909, als sie die Geliebte seines Freundes Étienne Balsan war. Capel machte das junge Mädchen mit Literatur und den schönen Künsten bekannt und finanzierte die ersten Geschäfte von ihr. Sein äußerst eleganter Stil war Inspiration und trug nicht unwesentlich zur Schaffung des Chanel-Looks bei. Boy Capel starb 1919 bei einem Autounfall. Dies war das erste und letzte Mal, dass Coco Chanel in ihrem Leben geweint haben soll. Ihre trotzige Losung: „Entweder ich sterbe auch oder ich beende, was wir zusammen begonnen haben“. Aufgeben war ab jetzt für sie keine akzeptable Option mehr.

Die Streitlustige erobert Paris

Noch bevor ihr Liebhaber 1919 verunglückte, zahlte sie ihm das gesamte geliehene Geld bis auf den letzten Franc zurück. Denn Coco Chanels Kreationen, vor allem ihre schlichten, von Federn und anderen Tand befreiten Hüte, eroberten schnell die Herzen der Pariser Damen. Und Coco Chanel setzte nach. Was ihr half, war eine nicht zu stillende Lust am Streit und an der Provokation. Und ein äußerst störrischer Charakter. Paul Poiret, der angesehenste Couturier seiner Zeit, wurde so in den frühen 1920er Jahren zu ihrem Lieblingsfeind. Wenn immer Poiret sich etwas einfallen ließ, Coco Chanel setzte noch einen drauf. Wurde bei dem Meister erstmals der Fuß unter dem gekürzten Rock sichtbar und die Taille am Kleid weniger eingeschnürt, legte seine streitlustige Konkurrentin gleich die Knöchel frei und ließ die Taille bei den Kleidern kurzerhand ganz weg. Auch feierte sich Coco Chanel ungeniert als „Befreierin vom Korsett“, obwohl vorher schon andere korsettfreie Reformkleider populär gemacht hatten.

„Chanel No5“ – das bis heute meistverkaufte Parfüm der Welt

 

 

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In den frühen 1920er Jahren besaß Coco Chanel neben den Geschäften in Paris und Deauville auch einen kleinen Laden in Biarritz und beschäftigte bereits rund 300 Näherinnen. In den frühen 1930ern wuchs ihr Geschäft stetig und aus den 300 Näherinnen wurden 4.000 Angestellte, Hollywood-Diven wie Marlene Dietrich und Greta Garbo entdeckten ihre Mode.
Mit Geschäftspartnern gründete sie den Unternehmenszweig „Parfums Chanel“, entwickelte 1921 zusammen mit dem Parfümeur Ernest Beaux den bis heute meistverkauften Duft. „Chanel No 5“, das erste populäre Parfüm, das nicht nach einer Blume roch – und das erste Parfum überhaupt, das nicht nach einer Blume roch, wie Chanel fortan behauptete. Die nächste Legende, die sie als Kämpferin und Revolutionärin feierte. Mittlerweile schien ihr keine Anekdote über sich zu groß zu sein. Der Erfolg gab ihr immer wieder Recht.

Coco geht leer aus

Doch mit Kriegsbeginn war es vorbei mit der Erfolgsgeschichte. Zunächst. Coco Chanel musste ihr Unternehmen schließen. Ende, aus, vorbei, der Rückzug in die französisch-spanische Grenzregion. Lange hielt sie es dort aber nicht aus. Schon ein Jahr später kehrte Coco Chanel zurück nach Paris und bezog eine Suite im legendären Pariser Ritz – für den Rest ihres Lebens sollte das ihr Zuhause bleiben.
Die 1940er sollten das dunkelste Kapitel ihres Lebens werden. Während der deutschen Besetzung lernte sie Günther von Dincklage kennen, Sonderbeauftrager des Reichssicherheitshauptamts in Frankreich. Die Nazis machten Chanel zur Agentin. Angeblich. Es ist bis heute nie zweifelsfrei bewiesen worden. Eines ist jedoch unstrittig: Als Chanels Geschäftspartner, der deutschstämmige Jude Pierre Wertheimer, Eigentümer ihrer Parfumsparte, 1940 enteignet werden sollte, versuchte Coco Chanel in den vollen Besitz von „Parfums Chanel“ zu gelangen. Wertheimer aber hatte seine Anteile rechtzeitig einem Freund übertragen und bekam sie nach dem Weltkrieg wieder zurück. Noch heute ist seine Familie in dritter Generation Alleinbesitzer der Chanel-Gruppe. Coco ging leer aus. Mehr noch: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie als Kollaborateurin verhaftet und nur durch ihre weitreichenden Beziehungen wieder freigelassen. Fliehen aber musste sie trotzdem. Bis 1954 lebte sie im Schweizer Exil in Lausanne. Das war’s also, ausgespielt, verloren. Sollte das das Ende sein?

„Ich mache keine Mode – ich bin Mode“

„Ich mache keine Mode. Ich bin die Mode“ – eine Frau, die solche Sätze sagt, kann sich kaum mit Rückzug zufriedengeben. Also kehrte sie nach wenigen Jahren abermals nach Paris zurück. Sie war nicht kleinzukriegen. Und sie war verärgert. Chanel hatte ihren Rivalen das Feld überlassen müssen. Auf den Straßen von Paris wehte jetzt ein anderer Wind. Christian Dior, der schon 1947 mit seinem „New Look“ Erfolge feierte, hat die Pariserinnen fest im Griff. Und keine Mode konnte sich mehr von den Kleidern Chanels unterscheiden: Zwar waren auch Diors Röcke wadenlang geblieben, doch sprangen sie auf, die Taille seiner „Bar-Jackets“ wurde dafür schmaler, in den Salons der Stadt wurde die Sanduhr-Linie populär.

 

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Für die Modezeitschriften der Zeit war das die Rückkehr zur klassischen Eleganz, für Chanel die Rückkehr zu Zwang und Einengung. Nach neunjähriger Pause eröffnete Chanel wieder ihr Geschäft. Aber formlose Jersey-Kleider? „charming chemise dresses“? „Chanel No 5“? Eine neue Erfindung musste her: Coco Chanel entwickelte ihr klassisches Kostüm, gerader Rock und kastenförmige Jacke, in Schwarz, in Weiß, in Beige, aus Tweed jedenfalls. Dazu Perlen, ganz viele, keine echten allerdings: Chanel machte den preiswerten Modeschmuck populär.

Grace Kelly, Brigitte Bardot, Elisabeth Taylor – alle lieben Coco Chanels Mode

Wieder waren es amerikanische Medien, die Chanel eine „Revolution“ zuschrieben. Und auch die Kundinnen waren begeistert: Romy Schneider und Ingrid Bergman, Brigitte Bardot, Grace Kelly, Elizabeth Taylor – Es gab keine Berühmtheit, die in den 50ern nicht Chanel getragen hätte. Coco war zurück, da wo sie immer hinwollte, immer hingehörte, so glaubte sie, ganz oben eben, tonangebend. Und für die letzten Jahre ihres Lebens sollte sie dort weitgehend auch bleiben. Das war das perfekte Ende für ihre Geschichte, noch ein Punkt dahinter vielleicht, das war’s dann. So hatte sie sich selbst immer erzählen wollen.
Am 10. Januar 1971, mit 87 Jahren, verstarb Gabrielle Chanel in ihrer Suite im Pariser Ritz. „So stirbt man also“ – das sollen ihre letzten Worte gewesen sein. So einfach und schmucklos wie ihre Mode. Ob’s stimmt? Wer weiß das schon.

Chanel ist auch heute noch eines der führenden Mode-Labels und hatte zuletzt mit dem Anfang diesen Jahres verstorbenen Karl Lagerfeld einen berühmten und ebenso begabten Chefdesigner, wie Coco Chanel selbst es war.