Das Negligé – Ein Meisterwerk der Textilgeschichte

Zartes Negligé von Lise Charmel
©Sunny Magazin
Man kann über Wladimir Putin sicherlich vieles sagen, aber dass er auf Negligés steht – eher nicht.

Sommer 2013, kurz vor dem G-20-Gipfel in St. Petersburg, hatte der Maler und Politaktivist Konstantin Altunin den russischen Präsidenten und seinen Premierminister, Dmitrij Medwedew, gemalt. Das Gemälde zeigte den Kreml-Chef im Negligé und Medwedew in blauem BH und Höschen. Putin kämmte seinem Chef vom Dienst die Haare.
Mit ein bisschen Humor hätte man das Bild gelungen finden können. Aber die Botschaft dahinter war doch schwer zu verdauen. Und dann auch noch im Negligé – Putin verstand das Späßchen nicht und ließ das Bild vor dem Eintreffen der Vertreter der 20 wirtschaftsreichsten Nationen der Welt konfiszieren. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde es aus dem Museum der Macht entfernt. Altunin floh nach Paris.
Man muss es so deutlich schreiben: Abhängen, klammheimlich forttragen und irgendwo in einem Keller verkümmern lassen – das ist der eigentliche Skandal gewesen. Denn nichts hat es verdient, dass man es einfach so beiseiteschafft. Schon gar kein Dessous. Und erst recht kein Negligé.
Das zarte Nachtkleidchen ist immerhin die Königin der Nachtwäsche. Ein Atemzug aus Spitze, Seide und Satin, Taft, Chiffon oder Tüll, hingehaucht auf den Körper einer Frau. Es ist glamourös und edel, präsentiert und will verführen. Es verhüllt und will doch nichts verbergen. Es ist Erotik pur!

Dass es auch Freiheit bedeutet, mag auf den ersten Blick vielleicht wie Satire klingen. In Zeiten wie diesen allemal, wo die Grenzen zwischen der selbstbestimmten Frau im verführerischen Nachtgewand und dem naiven Sex-Objekt kaum auszumachen sind. Weil beides immer möglich ist.
Doch weit gefehlt. Vielleicht wusste Putin vom Negligé ja mehr als man annehmen darf von einem Staatsmann des 21. Jahrhunderts, der es gern hat mit Verboten, Kontrolle und Zwang. Ein Blick auf die Textilgeschichte – und schnell wird klar, dass Despotie und die Rolle, die das Negligé in den vergangenen Epochen gespielt hat, auf gar keinen Fall zusammen gehen.
Es ging beim Negligé nämlich schon immer darum, sich freizumachen. Der Begriff stammt aus dem Französischen, er bedeutet so viel wie „das nachlässige (Kleid zum Beispiel)“. Das lateinische neglegere stand Pate, „missachten“ oder „vernachlässigen“. Gemeint war damit im 17. Jahrhundert der Umgang mit den Vorschriften, die der französische Monarch Louis XIV (1638 bis 1715) für das Tragen der Kleidung am Hof erstellt hatte. Auch der Sonnenkönig regierte gern mit Zwang und Reglement.
Kleider machten damals Leute – ganz besonders in Versailles, wo zu tragen, was einem beliebte, keinem freistand, der es sich mit dem König nicht verscherzen wollte. Louis IVX. hatte klare Vorstellungen davon, was Frau und Mann wann und wie zu tragen hatten. Vor allem die Fest- und Zeremonienkleidung war vorgeschrieben. Bei den Frauen war das die Fontange, eine hoch aufstrebende Perücke, benannt nach der Herzogin von Fontanges, einer Mätresse des Monarchen. Ein Oberkleid aus schwerem Gold- und Silberbrokat, dass sich am Rücken bauschte und als Schleppe herabfiel. Dazu Korsagen, darüber Mieder, das Dekolleté blieb frei, die Ärmel gingen nur bis zu den Ellenbogen, tiefe Ausschnitte ließen die Taille tiefer fallen. Parbleu, es nahm einem den Atem! In vielerlei Hinsicht.
Für die Hofdamen war die Kleidung eine Tortur. Sie waren versteift, eingeschnürt und schwer behangen. Ganz zu schweigen von den Formen des Reifrockes, der mit den Jahren immer ausladender wurde. Auf dem Höhepunkt des Volumenwuchses passten die Damen nur noch quer durch die Türen.

1769 Therbusch junge Frau im Negligé anagoria
Ölgemälde von Anna Dorothea Therbusch, 1769: Junge Frau im Negligé ©Wikimedia Commons Lizenz: CC0 1.0 Public Domain
Aber es gab einen Raum, der ganz und gar frei war von den Bekleidungsregeln – so frei, wie das damals möglich gewesen ist: das Boudoir. Das Boudoir, abgeleitet vom französischen bouder, schmollen oder schlecht gelaunt sein, war ein kleiner, elegant eingerichteter Raum, in den sich die Frauen begaben, wenn ihnen nach Hof und Höfigkeit nicht war. Also immer morgens, meist auch mittags und nicht selten auch am Nachmittag. Und dort trugen sie, was sie atmen ließ: eine leichte, legere Kleidung – das Negligé.

Mit dem, was wir heute darunter verstehen, hatte das allerdings nichts zu tun. Négligé – das war alles, was nicht einengte: Morgenmäntel, Hausmäntel, Pantoffeln, luftige Kleider. Mit den Jahren wurde das Sortiment immer größer. Der Manteau kam hinzu, ein mantelartiges Obergewand, das von der Contouche abgelöst wurde, bei der die Schneider die festgenähte Rückenfalte des Manteaus einfach fallen gelassen hatten. Schließlich ging es mit der Robe auch auf die Straße.Das Negligé, auch deshabillé genannt, hatte es endgültig nach draußen geschafft.

Johann Baptist Reiters Betrachtung im Negligé von 1847
Öl auf Leinwand von Johann Baptist Reiter, 1847: Betrachtung im Neglige ©Wikimedia Commons Lizenz: CC0 1.0 Public Domain

Alle Kleidung, die nicht-höfisch war, war fortan négligé. Das galt auch für die der Männer und war schnell en vogue. Beim Adel, der nach dem Tod von Grand Louis sich erst einmal Luft verschaffte, ehe acht Jahre später Sohn Louis XV. den Thron bestieg. Und natürlich beim Bürgertum, das am Hof eh nichts zu suchen hatte.
Man muss sich nichts vormachen, steif ging es trotzdem zu. Und das noch mindestens zwei Jahrhunderte lang, ehe die Frauen der Goldenen Zwanziger endgültig einen Großteil ihrer Konventionen aus dem Weg räumten. Doch die Geschichte mag es gemächlich, Schritt für Schritt. Und das Negligé war so einer.
Dass der Weg der Alltags- und Hauskleidung irgendwann wieder zurück ins Private führte, sollte man nicht falsch verstehen. Mit Beginn der 1920iger Jahre war auch im Schlafzimmer die Revolte gegen die Schnürungen der Zeit in vollem Gange. Diese Revolte fand unter anderem in einem knielangen Nachtkleid aus Seite oder Satin statt. Es ging darum, das Licht beim Sex nicht mehr zu löschen. Hinzusehen und zu begehren bzw. erotisch zu verhüllen, was begehrt werden soll. Das war das Negligé, wie wir es kennen.
1927 etwa brachte der englische Keramikhersteller Royal Doulton eine Figurenserie in Nachtkleidern auf den Markt, er nannte sie „negligee“. 1941 posierte die US-amerikanische Schauspielerin Rita Hayworth in einem glamourösen Nachtkleid für das News Magazin Life. In einem Negligé, wie es hieß.
Dann kam der 2. Weltkrieg, kurz wurde es wieder prüde, dann so richtig frei. Mit Beginn der 1970iger Jahre rutsche das Nachtkleid auf Knielänge hoch. Es wurde seidiger, schimmernder, durchsichtig oder verspielt. Das Baby-Doll gesellte sich dazu und die Chemise.
So kennen wir es heute. Ein Meisterwerk der Textilgeschichte. Gedacht für die Nacht. Zum Verschleiern, was enthüllt werden soll. Doch Vorsicht, das Negligé ist nicht irgendein Dessous. Es kann auch Politik, die kleine und die große. Man frage nur bei Putin nach.

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